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Lebanon Hanover – Asylum Lullabies
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Lebanon Hanover – Asylum Lullabies

Das Duo Larissa Iceglass und William Maybeline gründete 2010 ihr Dark‑/Cold‑Wave‑Projekt Lebanon Hanover. Mit minimalistischen Post‑Punk‑Elementen, frostigen Synths und einer konsequent melancholischen Ästhetik zählen sie heute zu den prägendsten Bands der modernen Gothic‑Szene. Seit ihrem Debüt „The World Is Getting Colder“ veröffentlichen sie regelmäßig neue Alben, während ihr Song „Gallowdance“ dank Instagram und TikTok weltweiten Kultstatus erlangt hat und inzwischen über 43 Millionen YouTube‑Aufrufe verzeichnet.

Fast fünf Jahre nach „Sci‑Fi Sky“ präsentieren Lebanon Hanover nun mit „Asylum Lullabies“ einen Soundtrack, der den Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik auf unheimlich anziehende Weise vertont. Das Album eröffnet kraftvoll und endet in einer unheimlichen Bewegungslosigkeit. Lyrisch setzen sich Larissa Iceglass und William Maybeline mutig mit psychischen Ausnahmezuständen auseinander. Die musikalische Bedrohung kribbelt wie ein Griff an einen feinen Elektrozaun und schlängelt sich durch die Nervenbahnen, bis jeder Ton seine eigene frostige Spur hinterlässt.

Stimmlich wechselt sich das Duo ab, und so saugt sich der ambivalente Opener „Pagan Ways“ in das hungrige Gehör mit William Maybelines flüsternder Präsenz. Über massiven Gitarren und pochenden Strukturen raunt er von einer Rückkehr zu alten, heidnischen Wegen; mit einer düsteren Reise zu einem einsamen Ort aus Wald, See, Schlamm und Tieren, die den zerrissenen inneren Zustand der erzählenden Figur widerspiegeln. Die Bilder aus Flucht, Naturverbundenheit und latenter Selbstzerstörung verschmelzen mit dem kalten Sound und setzen den Ton für einen Track, der zwischen Befreiung und Abgrund schwankt.

Mit Larissas Stimme schlägt „Sleep“ eine introspektive Note an, die nach mentaler Erschöpfung ruft. Der Song eröffnet mit Kinderstimmen ein Wiegenlied, welches am Rand zwischen Wachsein und Schlaf schwebt, unsicher, in welche Richtung es sich neigen soll. Über minimalistischen, kalten Klangflächen flüstert sie von der Sehnsucht nach Schlaf als einzigen Ort ohne Scham, Angst und Überforderung. Die Realität erscheint als eigentlicher Albtraum, während der Schlaf all jene Obsessionen und Ängste auslöscht, die im Wachzustand erdrückend wirken. Ihre Stimme trägt diese Müdigkeit und bewegt sich zwischen Resignation und zarter Selbsttröstung.

Mit „Torture Rack“ greifen Lebanon Hanover den Cocteau‑Twins‑ähnlichen Schimmer von „Kyiv“ erneut auf. Doch diesmal legt sich Larissas Stimme über das Thema einer Liebe, die längst zur Qual geworden ist. Zwischen Englisch und Deutsch beschreibt sie eine Fahrt durch die Trümmer eines gemeinsamen Lebens, pinkfarbene Himmel über kaputten Straßen, während Geist und Herz in gegensätzliche Extreme kippen. Geschwindigkeit, Benzin und Nachtfahrten werden zum Betäubungsmittel einer Beziehung, die sich nicht lösen will. Der Song schwebt zwischen Schmerz und Sehnsucht, zwischen Zerstörung und dem letzten Rest von Bindung.

Mit „Waiting List“ liefern Lebanon Hanover den tanzbaren Puls, unter dessen Oberfläche frühe EBM‑Einflüsse schimmern. Der Song entfaltet eine fast therapeutische Atmosphäre zwischen sommerlicher Brise und innerer Heilung, als könne ein Moment aus Wind, Sonne und Meer mehr bewirken als jede Sitzung auf einer tatsächlichen Warteliste. Die Natur wird zur unsichtbaren Zuhörerin: raschelnde Blätter, offenes Meer, sirenenhafte Stimmen, die die Last von den Schultern nehmen. Während sich der Beat stetig steigert, entsteht das Gefühl einer spontanen, mystischen Genesung – ein kurzer Augenblick, in dem die Welt leichter wirkt, ohne dass sich an ihr etwas geändert hätte.

Bei manchen Stücken fragt man sich, ob die Band selbst noch prüft, wie ihre Songs letztlich wirken sollen. In „My Love“ hallt Maybelines Gesang zwar wie ein fernes Echo jener geisterhaften Intensität wider, die man mit John Balance verbindet, doch der Vergleich schmeichelt ihm mehr, als er trägt. Seine Darbietung wirkt hier eher schleppend als eindringlich, sodass man sich unweigerlich fragt, ob der Song mit Larissa Iceglass’ Stimme nicht deutlich mehr Kontur und Ausdruck gewonnen hätte.

Mit „Parrots“ beginnt das Finale des Albums mit einem Glockenschlag, der wie ein pochender Herzschlag anmutet und eine subtile Verneigung vor Coil erkennen lässt, den Meistern des dunklen Experimentellen. Das Duo teilt sich die Vocals und führt durch einen surrealen Reigen aus Federn, Spielzeug, Chaos und obsessiver Zuneigung. Der Song entfaltet eine verstörende Atmosphäre, als würde ein Liebesbekenntnis durch einen schiefen Spiegel betrachtet. Die Metapher des Papageis wird zum Sinnbild für Wiederholung, Abhängigkeit und bedingungsloser Fixierung. Während die Percussion den Song immer tiefer in einen tranceartigen Abstieg zieht, endet das Album mit einem schwer verständlichen, schreienden Satz, der wie ein letzter Riss zwischen Wachheit und Traum erscheint und den Hörer reglos in der Dunkelheit zurücklässt – mit einem Rauschen im Ohr oder dem Gefühl eines Sprungs in der LP.

Das Album „Asylum Lullabies“ changiert am Ende zwischen Dunkelheit, Anziehung und surrealen Verzerrungen. Lebanon Hanover bewegen sich dabei sicher zwischen kaltem Minimalismus, emotionaler Rohheit und experimentellen Anklängen, ohne ihre charakteristische Handschrift zu verlieren. Manche Songs öffnen Räume, andere reißen Wunden auf, doch gemeinsam formen sie ein Werk, das sich, sowohl bei einem abendlichen Spaziergang als auch zuhause intensiv durchleben lässt. Es ist ein Album, das seine Brüche nicht verbirgt, sondern sie zum Kern seiner Ausdruckskraft macht.

Wertvolle Links:

Meine Vinyl: Opaque Black *** Lebanon Hanover return with a collection of songs to listen while you wait to see your favourite psychiatrist.*** Gekauft auf dem Darkstorm in Chemnitz, zeigte meine Vinyl leider einige hörbare Sprünge, weshalb ich mir später zusätzlich die CD besorgt habe, um das Album ohne Unterbrechungen genießen zu können.