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Cold in Berlin – Wounds
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Cold in Berlin – Wounds

Mit „Wounds“ veröffentlichten Cold in Berlin ein Album, das sich anfühlt, wie ein Abstieg in die innersten Kammern menschlicher Verletzlichkeit. Es ist kein Werk für nebenbei. Es lässt einen erst wieder los, wenn man selbst ein paar neue Kratzer davongetragen hat.

Musikalisch bewegt sich die Band weiterhin im Spannungsfeld aus Post‑Punk, Doom‑Anleihen und einer Stimme, die zwischen Beschwörung, Klage und eruptiver Wut pendelt. Doch „Wounds“ ist noch undurchdringlicher als etwa „Rituals Of Surrender“: Die Gitarren sind schwerer, die Drums drängender, die Atmosphäre bedrückender. Gleichzeitig entsteht der Eindruck, als könne man jede einzelne Schicht dieser Dunkelheit mit den Fingern ertasten.

„’Wounds‘ ist eine Reihe von Songs über die verschiedenen Arten, wie Menschen mit den ‚Wunden‘ ihres Lebens leben und diese verarbeiten“, erklärt Sängerin Maya. „Eine seltsame Feier jener prägenden Schmerzen, die wir alle auf irgendeine Weise erlebt haben. Der Verlust und die Freude des Überlebens – die Freude, andere wie uns zu finden und das Geschenk zu wissen, dass nach dem Feuer das Leben kommt.“

Die Texte verweben sich zu einem dichten Netz wiederkehrender Motive. Der Körper erscheint als verletzlicher, wie auch gefährlicher Ort, an dem Schmerz, Begehren und Zerstörung ineinandergreifen. Viele Songs kreisen um Schuld, Selbstzerstörung und Beziehungen, die an ihren eigenen Abgründen zerbrechen. Religiöse Bilder wie Gebete, Dämonen und Kreuzsymbole verstärken die inneren Konflikte der Figuren. Dazu kommen immer wieder Szenen aus Wasser, Nacht und Traumzuständen, die das Album wie einen düsteren Fiebertraum wirken lassen.

Der Opener und der Abschlusssong sind wie zwei Pole desselben Abgrunds. „Hangman’s Daughter“ öffnet das Album mit einer traumverzerrten, mythischen Dunkelheit – ein Gespenst aus Verführung und Gefahr, getragen von hypnotischen Wiederholungen und eruptiven Ausbrüchen. Am anderen Ende steht „Wicked Wounds“, das all die oben benannten Motive wieder aufgreift und zusammenführt: Wunden, Körper, Religion, Gewalt, Identität. Der Song wirkt wie ein Spiegel, der das zuvor Erlebte zurückwirft. So entsteht ein Kreis, der sich nicht schließt, sondern weiter in der Tiefe schallt.

„Wounds“ öffnet eine eigene Welt. Die Songs gleichen wie einem Kapitel eines düsteren Gedichts, das körperlich, spirituell, schmerzhaft und zugleich wunderschön in ihrer Konsequenz ist. Cold in Berlin arbeiten mit Wiederholungen, sodass sich die Refrains einbrennen, während sich die Stücke schrittweise steigern und schließlich in kathartischen Ausbrüchen enden.

Diese Struktur macht „Wounds“ zu einem Werk, das einerseits alles andere als leichte Kost ist, sich andererseits aber tief in die Haut gräbt. Es kratzt, es brennt und es schmerzt – dennoch tröstet es. Cold in Berlin gelingt es, mit diesem Album, Schmerz in Kunst zu verwandeln, ohne ihn zu verkitschen.


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