Als The Discussion aus Los Angeles die Bühne betraten, wirkten sie wie eine unaufhaltsame Lokomotive, angetrieben von einer Nebelmaschine, die dichte Schwaden ins blaue Licht schickte. Das Licht verschluckte ihre Silhouetten, ließ sie schemenhaft erscheinen, als würden sie selbst Teil des Nebels werden. In der Luft lag eine düstere Magie, eine vertraute Schwere, die perfekt mit der verhüllten Dunkelheit des UT Connewitz verschmolz. Alles fühlte sich gleichzeitig neu und doch vertraut an.
Zum krönenden Abschluss coverten sie „A Forest“ von The Cure. Und es war ein ekstatischer Moment, diese ikonische Nummer von einer Frauenstimme getragen zu hören. Ein mutiger, genialer Schlusspunkt, der den Abend endgültig unvergesslich machte.
Mit jeweils einer CD in der Hand verließen wir glücklich Connewitz, während mein Magen sehnsüchtig nach der Clear-Green-Vinyl knurrte, die ein paar Tage später bei mir ankam und meine innere Sucht endlich beruhigte.
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Mit „All the Pretty Flowers“ schlug Laura Pleasants ein neues Kapitel in ihrem musischem Leben auf, das so weit von ihrem erstem Projekt KYLESA entfernt liegt, wie eine verregnete Großstadtstraße von einem verstaubten Feldweg. Unter dem Namen The Discussion entwirft sie ihren eignen Soundtrack, der im schwarz-romantischen Post-Punk-Wave verschmilzt, und dabei tief in eine Welt aus schimmernden Gitarren, kalten Synthesizern und donnernden Rhythmen eintaucht, die an Siouxsie and the Banshees erinnern.
Die Songs wirken wie Szenen aus einem Noir-Film, der in Neonlicht getaucht ist. Jeder Song entfaltet seine eigene Atmosphäre, pulsierend und schwebend zugleich. Aus dieser schimmernden Gesamtstimmung heraus öffnet der Opener „Get To You“ die thematische Tür: Er drückt das Bedürfnis nach Richtung und Sinn im Leben aus und bittet darum, den richtigen Weg zu finden, um „die andere Seite glänzen zu lassen“ und auf „beide Seiten der Linie zu gehen“. Es herrscht eine starke Entschlossenheit, das Ziel zu erreichen, selbst wenn der Weg vernebelt ist.
Das Bild eines Hauses zeichnet „Fade Away“, das zum inneren Raum der Trauer wird, in dem jede Ecke noch die Stimme und Energie einer verlorenen Person trägt. Der Song bewegt sich zwischen Erinnerung und Leere, zwischen den Relikten eines vergangenen Lebens und dem schmerzhaften Prozess des Loslassens.
„Without You“ portraitiert einen Menschen, der nach einem schmerzhaften Verlust langsam begreift, dass er trotz innerer Erschütterung weiterexistiert, aber verändert. Zwischen Selbstzweifel, Verdrängung und dem Ringen um einen weiteren Tag entfaltet sich ein stiller Kampf um Selbstbehauptung, während die Vergangenheit in Form von Fotos und Erinnerungen weiter nachhallt.
„In Death and Life“ wirkt wie ein scharfer innerer Konflikt, der den täglichen Druck einer Welt voller Belastung und existenzieller Müdigkeit aufgreift. Der Refrain richtet den Blick auf ein radikales Alleinsein und auf das eigene Überleben im Angesicht von Schmerz, Routine und der Erkenntnis, dass manche Wege tatsächlich allein gegangen werden.
Der Abschluss „Let It Go“ wirkt wie ein Abstieg in eine innere Landschaft aus Dunkelheit, Erinnerung und Erschöpfung, in der „Blackness above, Blackness below“ zu einem Zustand zwischen Orientierungslosigkeit und Klarheit wird. Die Bilder von Parallelwelten, verdrehten Zeitlinien und einem ausgetrockneten Brunnen zeichnen das Gefühl eines Lebens, das an seine Grenzen stößt und dennoch nach einem Moment des Loslassens sucht. In der mantraartigen Wiederholung von „Let it go“ entfaltet sich schließlich ein Akt der Befreiung: nicht leicht, nicht triumphal, sondern ein mühsames, fast rituelles Abstreifen dessen, was zu schwer geworden ist, um es weiterzutragen.
Das Album „All the Pretty Flowers“ verlangt nach Hingabe, ein Sich-Einlassen auf diese Zwischenwelt aus Traum und Albtraum, aus „warmem, kaltem, dunklem Licht“, wie Laura Pleasants es selbst beschreibt. The Discussion erschafft eine Welt, die intim und weit zugleich ist, minimalistisch und doch voller Details. Ein Debüt, das sich langsam in die Wahrnehmung schiebt und sich dort niederlässt – wie eine Band, die zum ersten Mal unterm blauem Nebel aufleuchtet und einen Moment lang zeigt, wie viele Lichtmomente im Dunkel liegen können.
Wertvolle Links:
- Bandcamp: https://thediscussion.bandcamp.com/music
- Instagram: https://www.instagram.com/the_discussion_/
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Meine Vinyl: Clear Green

