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Rue Oberkampf und Rina Pavar im UT Connewitz
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Live-Report

Rue Oberkampf und Rina Pavar im UT Connewitz

Konzerte sind unsere Auszeit vom Alltag, unsere musikalischen Streicheleinheiten, die uns daran erinnern, dass Kultur kein Luxus ist, sondern Überleben und Atmung. Und wenn sich im ausverkauften UT Connewitz ein ganzer Saal kollektiv in Ekstase schraubt, wenn Augen geschlossen und getanzt wird, dann weiß man: Die Leitlinie Glückseligkeit ist erreicht.

Am Abend vom 06.03.2026 waren es Rina Pavar und Rue Oberkampf, die uns für drei Stunden aus der Realität katapultierten. Zudem war das Publikum eine so herrlich diverse Mischung, dass man nebenbei problemlos Feldstudien hätte betreiben können – doch eigentlich ging’s ums Tanzen, Atmen und Dabeisein. Und wir atmeten jeden Ton ein, wiegten uns im Takt, als wollten wir mit ihm verschmelzen.

Rina Pavar

Die Leipziger One-Woman-Coldwave-Musikerin betrat die Bühne mit einer Klarheit, die sofort spürbar machte: Sie weiß genau, wohin ihre Musik fließen soll. Ihre Songs sind wie nächtliche Spaziergänge durch einen leichten Moment, den man liebt, obwohl die Realität einen manchmal zermürbt. Doch sie baut Räume, in denen man sich verlieren darf – auch muss und sollte – und in denen man gleichzeitig spürt, wie viel man mit sich herumträgt. Ein Auftakt, der nicht nur atmosphärisch dicht war, sondern auch den Ton des Abends setzte: fantastischer Coldwave, introspektiv und getragen von einer unterschwelligen Dringlichkeit.

Und dann:

Rue Oberkampf

Wenn Narzissten und mächtige alte Männer mit kleinen Piepmätzen Krieg spielen müssen. Wenn die Nacht zu schlaflos, der Einkauf zu Unmut und der Sprit zu atemlos wird. Wenn die Nachrichtenlage wieder einmal nur aus Kackwürsten besteht, die sich über die Bildschirme der Medienlandschaft wälzen und uns kollektiv zum Kotzen bringen … ja dann beginnt die Auszeit. Und dann übernimmt Rue Oberkampf.

Das Duo verwandelte das UT Connewitz in einen Ort der radikalen Entladung. Electro, der durch die Rippen fährt. Vocals, die gleichzeitig anschmiegen und aufreißen. Ein Publikum, das sich nicht entscheiden musste zwischen Tanzen, Loslassen oder einfach nur Wegsein.

Ihre Art, sich zu verabschieden – oder eben nicht – ist charmant wie eh und je. Sie bleiben einfach. Spielen weiter. Bis der Rauch sich verzieht. Bis niemand mehr weiß, wie spät es ist. Bis man wieder atmen kann.

Und zwischendurch fällt der Satz: „Es gibt Menschen, die sind extra nach Kopenhagen gekommen…“ Und irgendjemand ruft zurück: „Scheiß auf Kopenhagen!“ Genau dieser Moment fasst den Abend zusammen. Weder elitär noch distanziert, nirgendwo anders verortet. Wir sind im UT Connewitz – hier, im Hier und Jetzt, mitten in Connewitz, mitten im Leben und mitten in dem herrlichen Chaos, das wir Kultur nennen.

Nach dem Set tauchten Rue Oberkampf und Rina Pavar am Merch auf. Ich liebe das, wenn Bands nicht verschwinden, sondern für Fotos, Signaturen und kleine Momente bleiben, die man sich gern einsteckt wie Souvenirs – als gehörte das genauso zum Konzert wie Schweiß und Scheinwerferlicht. Ich erzählte ihnen von einem Song, den ich aufgenommen hatte und unbedingt Wiederhören wollte. Doch er ist noch unveröffentlicht und wird erst auf dem neuen Album zu finden sein, das möglicherweise im Oktober erscheint.

***

Es war einer dieser Abende, die zeigen, warum wir Kultur brauchen: weil sie uns rettet, wenn alles andere zu laut und zu blöd wird.

*** Von Rina Pavar kaufte ich mir das neue Album „Six“ und von Rue Oberkampf „Essenz“.  Beide ließ ich mir noch signieren.