Es liegt Magie im Scheinwerferlicht und im wasserbasierten Nebel, wenn Julia de Jouy auf die Bühne tanzt und die Energie förmlich mit den Händen anzieht. Sie geht nicht einfach ans Mikrofon, sie bewegt sich dorthin – so leicht und elegant, als würde sie sich mit den schwebenden Energieteilchen verbinden.
Viele Bands im Cold‑Wave / Electro‑Bereich arbeiten mit ähnlichen Ästhetiken, doch künstlerisch und inhaltlich unterscheiden sich Rue Oberkampf deutlich von anderen Acts der Szene. Sie bewegen sich mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit durch den Cold‑Wave, als wäre es ihr natürliches Element. Man spürt, wie wichtig ihnen die Musik ist und wie sie ihre Seele in jedem Ton offenlegen. Dazu kommt das Licht, das mit dem Sound spielt, als würde es eine eigene Sprache sprechen.
Der Name Rue Oberkampf trägt eine besondere Schärfe in sich. „Rue“ verweist auf die Straße eines Pariser Szeneviertels, das provokante „Oberkampf“ auf den Tuchfabrikanten und Textildrucker Christophe‑Philippe Oberkampf, dessen Vorname später sogar einen Albumtitel der Band geprägt hat.
Sie gehören zudem zu den wenigen Acts der Szene, die mühelos in drei Sprachen arbeiten: Französisch, Deutsch und Englisch. Dass diese Mehrsprachigkeit so selbstverständlich wirkt, hat biografische Wurzeln, denn Julias Mutter ist Französin.
Julia de Jouy besitzt eine enorme Bühnenpräsenz, die sich erst durch das Touren in anderen Ländern vollständig entfalten konnte, wo sie sich zunehmend mehr traute und ihren eigenen Ausdruck fand. Sie lebt die Bühne, kostet jede Live‑Intensität aus und kann mit ihrer Ausstrahlung einen ganzen Raum für sich einnehmen.
All diese Facetten – Ästhetik, Präsenz, Sprache, Energie – zeichnen ein Bild, das weit über Genregrenzen hinausgeht. Genau deshalb wollte ich unbedingt einen Artikel über Rue Oberkampf schreiben, weil sie mich nicht mehr loslassen, wie eine Kraft, die weiterklingt, lange nachdem der letzte Ton verklungen ist. Umso mehr freute ich mich über die Zusage des Interviews.
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- Als ich im wunderschönem UT Connewitz euch live erlebt habe, gleitet das Publikum in einer fast tranceartige und aufatmende Energie ein. Was bedeutet euch der Livemoment? Nehmt ihr das Publikum selbst wahr?
Am schönsten ist es, wenn alle, die Band und das Publikum, eine große Einheit bilden, die gemeinsam durch die Musik und Atmosphäre schwebt. Ähnlich wie ein Flow-Zustand, in dem alle Gedanken und Impulse von außen still sind, und man einfach einen perfekten Moment erlebt. Wenn man dieses Gefühl mit einem ganzen Saal gemeinsam hat, ausgehend von der eigenen Kunst, und dem Erlebnis, das man daraus mit anderen talentierten Leuten aus der Crew gestaltet – dann ist das wohl eines der schönsten Dinge überhaupt.
- Julia, wenn du auf die Bühne kommst, liegt Magie im Scheinwerferlicht und im wasserbasierten Nebel. Du tanzt hinein, ziehst die Energie förmlich mit den Händen an und bewegst dich so leicht zum Mikrofon, als würdest du dich mit den schwebenden Teilchen um dich herum verbinden. Entsteht diese Leichtigkeit aus reiner Routine – oder gibt es davor trotzdem Momente von Lampenfieber?
Julia: Weder noch. Für Routine ist der Moment des Konzerts zu besonders. Wenn die mal entstehen sollte, dann ist es wohl Zeit für eine Pause. Und (meistens) habe ich auch kein Lampenfieber. Die Musik war schon immer mein Element und fühlt sich so vertraut an, dass ich mich sicher genug fühle.
Deine Beschreibung passt eigentlich sehr gut: Wenn ich den Bühnenraum betrete, dann versuche ich sofort in Verbindung mit der ganzen Szenerie zu gehen. Um in den Flow für das Konzert zu kommen, verschaffe ich mir Zugang zu diesem großen gemeinsamen „Wesen”, das durch das gemeinsame Konzerterleben entsteht.
- Ihr spielt keine klassischen Touren, sodass schnell dieses „Wenn sie spielen, dann geht hin!“-Gefühl entsteht – und entsprechend sind eure Venues oft ausverkauft. Gab es bei einem dieser Konzerte einen prägenden, vielleicht sogar etwas strangen Moment? Und einen, bei dem ihr gemerkt habt: „Deshalb spielen wir live.“?
Wir spielen nur dieses Jahr keine klassische Tour, da wir aktuell an einem neuen Album arbeiten. Nächstes Jahr planen wir aber wieder mehr, ähnlich wie in 2025. Jede Konzerterfahrung prägt uns, es ist immer etwas Besonderes.
Bei „strange” fällt uns aber sofort unser letztes Konzert in Madrid ein. Die Location war zweigeteilt – im zweiten Stock, in den man über ein Fenster (nur) von der Bühne aus hineinsehen konnte, befand sich eine Bar. Diese ist auf JungesellInnen-Abschiede spezialisiert. Während „Negativraum”, einem sehr sphärischen verträumten Song, ist die ganze Partygruppe oben mit einer Polonaise einmal quer über die Empore getanzt – während wir unten unser eigenes Publikum, tanzend mit geschlossenen Augen, vor uns hatten. Das war eine so komisch absurde Situation, dass wir beide während des Songs kurz lachen mussten…
Zu deiner zweiten Frage… „Deshalb spielen wir live” denken wir eigentlich immer, wenn wir sehen, dass jemand eine gute Zeit bei unserem Konzert hat.
- Die Single „Eternity“ zeichnet das Bild einer Nacht, in der Menschen zwischen Dämmerung und Morgengrauen tanzen, während jemand im Hintergrund eine verlorene Spur verfolgt. Es erinnert mich an meine „Uni Lichtenstein“ Zeit und daran, wie ich eines Abends seufzend in der Nachtschicht saß, weil der Club abgebrannt ist. Könnt ihr euch noch an eure ersten Zeiten erinnern? Und welche Bedeutung hat dieser Zwischenraum – zwischen Dunkelheit, Musik und der Suche nach Erinnerung zu sein – für euch?
Ohje, das tut uns leid zu hören. Wenn der heimische Club stirbt, ist das furchtbar. Wir haben vor Kurzem eine ähnliche Erfahrung gemacht – der Passauer Club Camera wurde nach über 40 Jahren abgerissen. Die Band hat sich dort kennengelernt – an den legendären „schwarzen Sonntagen”. Wir sind beide im sehr katholischen Niederbayern aufgewachsen. Und so schön die Gegend auch ist, gerade im bayerischen Wald, so herausfordernd ist es dort „anders” zu sein. Das Nachtleben, die Szene, die Musik und das Tanzen – das hat uns schon immer angezogen und war bestimmt auch Zufluchtsort, Heimat und Familie. Wie stark diese Verbindung ist, merken wir auf unseren Touren – zuletzt durch Lateinamerika. Egal wo man auf dieser Welt ist – man findet unter den Veranstaltern, DJs und dem Publikum immer Menschen mit den gleichen musikalischen Wurzeln. Das verbindet ungemein.
- Wohin entwickelt sich euer Sound nach „Essenz“? Beim Set im UT Connewitz habt ihr bereits einen neuen Song gespielt. Ich konnte aus dem Text etwas heraushören wie „… take me to the other world …“ – könnt ihr mir sagen, wie der Song heißt? Und deutet er auf die Richtung eurer kommenden Aufnahmen an? Er wirkt auf mich wie ein tanzbarer, eindringlicher Clubtrack, der verdammt gut ist.
Danke, freut uns, wenn er dir gefallen hat. Das war unser neuer Song “Come on moon”, der auf dem neuen Album sein wird. Um das Album schon konkret zu beschreiben ist es wohl noch zu früh. Aber momentan kann man schon mal sagen, dass es sehr wehmütig werden wird.
Wir freuen uns auf jeden Fall sehr darauf das Album live zu performen!
- Ich habe mir all eure Veröffentlichungen gegönnt und bemerkt, dass eure Bildsprache minimalistisch, aber sehr präzise ist, beispielsweise wie in „Kalt“, „I Won‘t Surrender“, „Allein“, „Hope & Fear“. Wie entsteht bei euch das visuelle Konzept zu einem Release?Rue Oberkampf im Interview
Wir arbeiten sehr gerne mit verschiedenen KünstlerInnen und DesignerInnen zusammen. Für das Artwork haben wir meistens eine erste grobe Idee und erstellen Moodboard, auf dem dann das Design aufbaut. Bei den Videos sind wir freier – die Vision kommt meist von der Person, die das Video erstellt – wir arbeiten dann gemeinsam die Details aus.
- Was mir ebenfalls aufgefallen ist: Euer Rue‑Oberkampf’scher Sound ist stark aus dem „Negativraum“ heraus entstanden. Zuvor hörte ich Einflüsse wie DAF und Kraftwerk heraus. Mit „Liebe“ habt ihr diesen Ansatz weitergeführt und zugleich weiterentwickelt. Die Vocals waren zuvor trotziger, verurteilender, stärker im Verborgenen. Heute jedoch treten sie klarer hervor und wirken zugleich präziser eingebettet. Wie würdet ihr eure Entwicklung selbst beschreiben?
Ganz früher waren wir bestimmt minimalistischer. Seit „Essenz“ arbeiten wir auch vermehrt mit orchestralen Elementen und Flächen, die eine gewissen Weite entstehen lassen, in die man sich fallen lassen kann. Gesanglich experimentieren wir vermehrt mit Melodien, früher war der Anteil an spoken word höher. Das heißt aber nicht, dass das so bleibt – oder unsere Musik immer monumentaler wird. Wir kreieren einfach immer wonach uns gerade ist – völlig frei und ohne, dass uns unser Label etwas vorschreibt. Dafür sind wir sehr dankbar.
- Zu eurer Symbolwelt gehören drei Zeichen, darunter auch ein gestürztes Kreuz, das aus dem religiösen Kontext entlehnt ist. Was sagen diese Zeichen über Rue Oberkampf aus?
Die Mitte ist das Licht. Das Kreuz ist die Rebellion. Das Dreieck sind wir.
- Was ich auch sehr beeindruckend finde, ist eure Nähe zum Publikum nach einem Konzert. Dies habe ich bereits beim Darkstorm beobachtet. Bleibt ihr bewusst so nah an den Menschen und an den Themen, die sie bewegen, um damit auch eure Intention zu nähren?
Hmm… Da triffst du einen wunden Punkt. Wir freuen uns immer sehr über das Feedback, das wir direkt nach der Show erhalten. Es ist wunderschön zu sehen, wie glücklich und energetisiert unsere Fans aus dem Konzert gehen.
Gleichzeitig geben wir auf der Bühne alles, und sind nach der Show eigentlich viel zu ausgelaugt, um noch in Kontakt zu treten.
- Wir leben erneut in einer besch*** Zeit voller Krisen, Konflikte und Unsicherheiten. Ich gebe weiterhin mein Bestes und versuche negative Medien zu vermeiden. Jedoch wie beeinflusst euch die aktuelle Weltlage emotional und künstlerisch?
Sagen wir es mal so… die Musik wird wehmütiger.
Aber am Ende bleiben wir bei unserem Glycine-Credo: Sich immer auf den Moment zu fokussieren und versuchen darin das Schöne zu sehen.
Vielen lieben Dank für das Interview.
Wertvolle Links
- Bandcamp: https://rueoberkampf.bandcamp.com/
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- Instagram: https://instagram.com/rueoberkampf.band
Titelfoto: Alex Beran

