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JAÎSA im Interview
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JAÎSA im Interview

JAÎSA hat in den vergangenen Jahren eine Entwicklung vollzogen, die sowohl musikalisch als auch emotional deutlich spürbar ist. In ihrer jüngst veröffentlichten EP „Forever and in Death“ zeigt die Regensburger Gothic‑Metal‑Musikerin keine Scheu davor, verletzlich zu sein, wodurch eine enorme Kraft entwachsen ist. Ihre Songs beweisen, dass große Emotionen und feine Nuancen sich gegenseitig stärken. Mit dieser Veröffentlichung festigt JAÎSA ihren Platz in der deutschen Gothic‑Metal‑Landschaft und bringt ihre eigene Dunkelheit eindrucksvoll zum Leuchten.

Ich sprach mit ihr über ihren Weg, ihre Songs und die Kunst, aus Schatten etwas Strahlendes zu formen…

  • Seit deinem Debüt 2021 hast du dir eine feste Position in der Szene aufgebaut. Erinnerst du dich an den Moment, in dem die Musik für dich zur Bestimmung wurde?

Ich hab ja schon früh mit dem Musizieren angefangen und merkte damals schon: „Das ist mein Ding!“ Als Kind war ich wahnsinnig schüchtern, aber sobald ich mit meiner „blauen Geige mit Blümchen“ die Bühne betrat, war ich ein ganz anderer Mensch und konnte da schon andere Menschen durch Musik und meine Energie auf der Bühne begeistern. Es klingt blöd, aber ich hab damals und im Laufe der Zeit immer wieder gemerkt, wenn ich kurz davor war, aus den verschiedensten Gründen alles hinzuschmeißen, dass ich die Musik nie loslassen könnte – und umgekehrt –, weil das einfach ich bin.

Ich kann mich dadurch am besten ausdrücken und mich durch das Schreiben meiner Songs von Gedanken und Ängsten temporär oder ganz befreien. Gleichzeitig kann ich auch andere berühren und etwas fühlen lassen – das würde ich als meine persönliche Superkraft bezeichnen.

  • Deine Musik bewegt sich zwischen Zerbrechlichkeit und Wucht. Wie würdest du den Kern deiner künstlerischen Identität beschreiben?

Melancholie, Nachdenklichkeit und Vergänglichkeit waren eigentlich immer schon ausschlaggebend dafür. Aber natürlich auch dieses Verletzliche, Emotionale zuzulassen und nicht einzusperren.

  • Du nennst Einflüsse wie Evanescence, Within Temptation oder Blackbriar. Viele Künstlerinnen im Gothic-Metal teilen ähnliche ästhetische Räume. Was glaubst du, hebt dich als Musikerin innerhalb dieses Genres besonders hervor?

Erstens schon mal, dass ich als Solokünstlerin noch mehr sowie kompromissloser nach meinem Inneren agieren kann, aber ansonsten wahrscheinlich die Kombination aus meiner Stimmfarbe, meiner Art und Weise meine Vocal Harmonien zu arrangieren, mehr die „Metalcore“ Elemente noch einzubauen und dass sich einfach ein roter Faden durch mein Schaffen hindurchzieht.

  • „Forever and in Death“ ist eine sehr persönliche EP. Was war der Ausgangspunkt für dieses Werk?

Ich habe nach einer langen Schreibpause plötzlich wieder drauf losgeschrieben. Einer der ersten Songs, die mehr Form annahmen nach wenigen Ideen, war „One Cold November Night“. Die meisten dieser entstandenen Lieder und Song-Ideen hatten als gemeinsamen Nenner, den Tod und die Liebe, von daher auch die Wahl des Namens.

  • „The Nothing“ beginnt mit der Frage „Where will we go?“ und öffnet damit einen existenziellen Raum. Welche Erfahrungen oder Gedanken haben diesen Song geprägt?

Mein Schaffen als JAÎSA thematisiert überwiegend den Tod und meine riesige Angst davor, die mich durch mein Leben hindurch nun schon so lange und intensiv beschäftigt. Da ich selbst von der nihilistischen bzw. eher „wissenschaftlichen“ Vorstellung ausgehe, dass danach kein Bewusstsein und einfach „Nichts“ mehr ist, war dies zentrales Thema des Songs. Ich frage mich zwar aufgrund meiner spirituellen Ader bzw. Hoffnung immer wieder, was da noch sein könnte, aber ich bin dann am Ende gedanklich doch wieder ganz Pessimistin (oder gar Realistin?).

Zusätzlich wollte ich irgendwie, neben meinen vielen Fragen und Sorgen bezüglich der Thematik, auch Kritik an mich selbst äußern bezüglich des damit verbundenen Selbstmitleids – und das mit einem gewissen Augenzwinkern –, ergo meiner Art und Weise, mit Humor ernste Themen zu überspielen, und mit in den Song aufnehmen. Deshalb hat der Song auch so viele Tonarten-Wechsel, und auch das Wording ändert sich etwas von Part zu Part.

  • In „Empathy“ geht es um die Liebe zu einem Menschen, der mit Depressionen kämpft. Der Song trägt einen inneren Dialog nach außen. Wie findest du persönlich die Balance zwischen Mitgefühl und Selbstschutz – gerade dann, wenn man jemanden liebt, der in einer so dunklen Phase steckt? Und hat das Schreiben des Songs dir geholfen, diese Grenze für dich selbst klarer zu sehen?

Kommt wahrscheinlich ganz auf die Ausmaße des Mitgefühls an. Wenn wir hier schon von Selbstaufgabe sprechen, wie ich im Song schreibe, dann hält man das nur eine gewisse Zeit aus, und es ist auch nicht nachhaltig. Man kann eine Person unterstützen, aber die wirkliche „Arbeit“ und Veränderung muss von der betroffenen Person kommen (da kann ich von beiden Seiten „ein Lied davon singen“).

Es gibt natürlich auch andere Themen bezüglich Weltschmerz, Tierschutz etc., wo Mitgefühl irgendwann zumindest versucht bzw. teilweise unterdrückt werden muss, weil man sich sonst selbst zerstört und damit auch niemandem mehr helfen kann. Ich war lange aktivistisch tätig, konnte es aber irgendwann nicht mehr vor mir sehen, obwohl es so wichtige Arbeit ist und ich jede:n bewundere, die/der es macht. Aber ich war ununterbrochen traurig deswegen, und mein Weg ist aktuell weiterhin, selbstverständlich diese Werte vorzuleben (zum Beispiel, dass ich seit ca. 13 Jahren vegan lebe) und auch in meinem Bekanntenkreis auf Missstände jeglicher Art aufmerksam zu machen. Dennoch versuche ich, nicht mehr so viel über das Leid nachzudenken oder dementsprechenden Content zu konsumieren (was natürlich nicht immer klappt).

Zu deiner zweiten Frage: Interessanterweise hatte ich „Empathy“ schon vor einigen Jahren begonnen zu schreiben. Dies war, als ich gerade frisch aus jener im Song thematisierten Beziehung gekommen bin, und den Song dann aber erst Anfang 2025 zu Ende geschrieben habe – mit anderem Blick und genauerer Vision.

Zwischen den beiden Zeitpunkten hat sich in mir viel verändert – u. a. wie viel ich von mir für eine andere Person zurückstelle. Heute weiß ich zum Beispiel, dass ich es damals in gewisser Hinsicht für mich als eine Aufgabe gesehen habe, dass es der anderen Person besser geht, aber ich damit gleichzeitig nicht genug Kapazität hatte, um meine eigenen Probleme zu sehen und anzugehen. Es war ein Wegschauen von dem, was ich gebraucht hätte. Das beobachte ich auch bei vielen anderen Personen – man nennt’s ja oft auch einfach ganz salopp „Helfersyndrom“ oder auch „people pleasing“ – Hauptsache, nicht mit sich selbst beschäftigen und andere zufriedenstellen. Irgendwann explodiert man dann vor lauter unterdrückter Gefühle und Emotionen und hat dann erst mal einen Haufen Arbeit vor sich, herauszufinden: „Was brauche ich eigentlich, um glücklich zu sein?“

  • Den Song „One Cold November Night“ habe ich einem Freund geschickt, der gerade seinen Lebensinhalt namens Hummel verloren hat. Es hat ihm in diesem Moment wirklich geholfen. Der Song selbst handelt ja vom Verlust eines geliebten Tieres und wirkt extrem persönlich. Wie war es für dich, diesen Schmerz in Musik zu verwandeln und ihn dann mit der Welt zu teilen?

Erst mal freut es mich wahnsinnig zu hören, dass der Song noch jemand anderem auch geholfen hat. Ich hatte eine kurze Zeit befürchtet, dass Außenstehende mit dem Song nichts anfangen können, weil er so konkret formuliert ist etc. Aber ich habe ihn allem voran für mich geschrieben und veröffentlicht, was deshalb wahrscheinlich der persönlichste Release ever war. Ich hab die Thematik und die Trauer damals jahrelang verdrängt und nie wirklich aufgearbeitet, somit hat sie mich – wie sollte es anders sein – wieder eingeholt.

Der Song ist für mich tatsächlich die exit card aus einem sich immer wiederholenden Film in meinem Kopf gewesen. Ich wusste, ich musste dieses Lied vollenden, um endlich etwas Frieden finden zu können, und mit diesen Worten bin ich mit der Songdemo auch zu meinem Produzenten gekommen.

Ich hab während des Schreibens und auch, als der Song fertig war, so viel geweint wie noch nie bei einem meiner Lieder (obwohl da „Shadow Children“ damals auch sehr krass für mich war). Mit „One Cold November Night“ konnte ich deutlich meine Vorwürfe an mich selbst, aber auch meine Entschuldigung an Susi aussprechen und ihr gleichzeitig nochmal die Wertschätzung und Wichtigkeit für mich geben, die sie verdient hatte.

Ab dem Zeitpunkt der Fertigstellung ging es mir viel besser, und ich merke auch, dass die Bilder jener Nacht nicht mehr so klar sind, wie sie es davor waren – was in dem Sinne positiv ist, weil ich dadurch merke, dass sich nach all den Jahren in mir endlich etwas bewegt hat.

  • Glaub mir mal, ich fühle mit dir. Ich habe auch einen liebsten Friedhof. Und mit „Graveyard“ widmest du deinem eigenen Lieblingsfriedhof eine Art Ode. Was bedeutet dieser Ort für dich, künstlerisch, aber auch persönlich? Und was passiert mit deiner Kreativität, wenn du dich an einem Ort aufhältst, der so stark zwischen Vergänglichkeit und Frieden schwingt?

Dieser Ort bzw. das Gefühl, das ich dort habe, drückt unfassbar gut aus, welches Paradoxon schon immer in mir wohnt. Diese riesige Kluft, die sich zwischen der unfassbar großen, unüberwindbaren und erdrückenden Angst vor dem Tod – dem Nichts – und dem großen Interesse, das ich schon von Kind an bezüglich des Todes, der Spiritualität und des Paranormalen hatte, befindet.

Hinzu kommt, dass ich seit einigen Jahren die Schönheit und Ästhetik, die ich an alten Friedhöfen finde, sehr schätzen gelernt habe. Die Ruhe und dieses angenehme Alleinsein, das ich an solchen Orten empfinde, der Ausdruck des „Nicht-vergessen-Werdens“ und die Geschichte, die jeder Grabstein für sich erzählt, sind weitere Aspekte, die mich an solchen Orten so festhalten. Und als ich zum ersten Mal allein an jenem Lieblingsfriedhof war, hatte ich sofort diese Textideen, die ich mir gleich aufgeschrieben habe. Ich liebe spontane und intensive Inspirationswellen.

  • Wenn du auf „Forever and in Death“ zurückblickst: Was hat diese EP in dir verändert?

Ich habe mir selbst bewiesen, dass ich alles schaffen kann aber gleichzeitig auch lernen müssen, dass ich langsamer machen sollte, weil mir keiner so viel Druck macht wie ich selbst. Ich habe vor allem beim Lyric Writing und in der Komposition ultragroße Fortschritte gemacht. Zudem konnte ich Themen viel deutlicher und ehrlicher erzählen als zuvor und diese endlich in einem größeren Ausmaß für mich fast „abschließen“ bzw. meinen Frieden damit finden. Ich bin einfach unfassbar stolz auf jeden Aspekt dieser EP und wie schön sie geworden ist.

Ist sie auch… Danke für das tolle Interview und die lieben Nachrichten auf Instagram!


Wissenswertes:

18.04.2026 Frankfurt Am Main – Ponyhof
23.05.2026 Freising – Vis-A-Vis
01.08.2026 Königstein im Taunus – tba
04.12.2026 Regensburg – Alte Mälzerei

Titelbild: Nicole Sladek

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