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Ann my Guard – im Interview
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Ann my Guard – im Interview

Wenn Musik zur Reise wird, dann nimmt uns Ann my Guard mit „She of the Sea and Stars“ direkt mit hinaus aufs offene Meer und hinein ins Sternenzelt. Die Musikerin, Eszter Anna Baumann,  die mit kraftvollem Alternative Metal bekannt wurde, hat ihre Songs in neuem Gewand erstrahlen lassen: ätherisch, verletzlich, voller Magie und doch geerdet in ganz persönlichen Erfahrungen. Im Interview mit Female Voices spricht sie über die Intention hinter diesem Schritt, über Mutterschaft als Inspirationsquelle, ihre Verbindung zur Mythologie – und darüber, warum wir Rock ’n’ Roll nur dann lebendig halten können, wenn wir uns auch abseits von Streaming-Zahlen auf die Suche nach neuer Musik begeben. Für die englische Version bitte nach unten scrollen… (For the English version, please scroll down…)


***

  • Welche Intention stand hinter der Entscheidung, eine Handvoll Songs für „She of the Sea and Stars“ neu zu interpretieren?

Ann my Guard spielte über ein Jahrzehnt lang Alternative Metal, aber seit ich dieses Projekt 2007 gestartet habe, habe ich meine Demos immer in einem vielfältigeren Stil als nur Metal aufgenommen. Nachdem ich vier Alben nur im Metal-Stil veröffentlicht hatte, insbesondere nach Covid, hatte ich das Gefühl, dass ich etwas anderes machen wollte. Außerdem war ich während der Arbeit an dem Album schwanger, sodass ich persönlich keine schweren Drums und lauten Gitarren in Bezug auf die Instrumentierung vermisste. Stattdessen wollte ich tief in melodische Harmonien, ätherische Klänge und bezaubernde Klanglandschaften eintauchen.

  • Hat sich dein Verhältnis zu den Originalversionen durch die Neuinterpretation verändert?

Ja und nein. Nein, in dem Sinne, dass ich, als ich diese Songs damals schrieb, diese Harmonien und Instrumente bereits im Kopf hatte (ich wollte schon immer Live-Cello nicht nur auf meinen Alben, sondern auch bei Live-Auftritten). Der künstlerische Keim, der mich inspiriert hat, war also in beiden Versionen schon immer vorhanden.

Aber ja, in Bezug auf die Performance hat sich etwas verändert. Mit der neuen Besetzung habe ich mehr Freiheit für meinen Gesang. Ich kann meinen Bass für ein paar Songs beiseitelegen und auf die Bühne gehen, während ich während des Metal-Sets im Grunde an mein Mikrofon und mein Basspedal „gekettet” war. Jetzt kann ich sogar zum Publikum hinuntergehen, was ich sehr liebe.

  • Wie gehst du mit kreativen Blockaden um – auch bei der Arbeit mit bereits existierenden Songs?

Ich habe nie kreative Blockaden, wenn der Song bereits existiert und ich nur eine Neuinstrumentierung mache oder meine eigene Coverversion davon aufnehme. Blockaden habe ich normalerweise nur, wenn ich anfange, etwas Neues zu schreiben. Manchmal schreibe ich monatelang nichts, dann kommen mir plötzlich fünf neue Ideen auf einmal und am Ende habe ich fünf neue Songs in einem Monat. Da Musik meine Leidenschaft ist und ich meinen künstlerischen Ausdruck zutiefst respektiere, zwinge ich mich nie zum Schreiben – ich gebe mir Zeit, und das funktioniert immer.

  • Du hast dieses Album deinem Sohn gewidmet. Was bedeutet es dir – und wie spiegelt sich das in der Musik wider?

Wie bereits erwähnt, war ich während der Arbeit an diesem Album schwanger, daher wird diese Platte für immer einen besonderen Platz in meinem Herzen einnehmen. Es war eine wundervolle, aber auch ziemlich herausfordernde Zeit: Ich habe mit einem neunmonatigen Bauch Bass aufgenommen (ich hatte sogar Schwierigkeiten, das Instrument zu erreichen, hahaha), alle Mix- und Mastering-Arbeiten mit einem Neugeborenen neben mir erledigt und Musikvideos gedreht.

Wenn du dir das Video zu „Dark Sea Blue“ ansiehst, fällt dir vielleicht mein zerzaustes Haar und meine geschwollenen Augen auf, während ich versuchte, eine Meeresgöttin zu imitieren. Einen Moment lang war ich sogar skeptisch, dieses Video zu veröffentlichen – oder „Starseed“, in dem ich nach der Geburt noch mein Babyfett hatte. Aber ich sagte mir: Wenn Dorián alt genug ist, um zu verstehen, wie viel er und die Mutterschaft mir bedeuten und wie sehr sich beides in diesem Album widerspiegeln, hoffe ich, dass er glücklich sein wird.

Ich werde ihm immer beibringen, authentisch zu sein, egal, wofür er sich im Leben entscheidet.

  • Der Titel „She of the Sea and Stars“ klingt fast wie eine Märchenfigur – steckt darin auch ein Bild, das du mit deinem Sohn verbindest?

Ah, danke. Ja, ich liebe Märchen – aber noch mehr liebe ich die griechische Mythologie. Immer wenn ich zum Himmel hinaufschaue und den Großen Bären und den Kleinen Bären sehe (über die ich in dem Lied „Callisto“ singe), denke ich an mich und Dorián: wie ich mich bis ans Ende aller Zeiten um ihn kümmern werde. Wir sind der Große Bär und der Kleine Bär.

  • Wenn du auf das Album zurückblickst, gibt es da einen Text, eine Zeile oder einen Song, der dir persönlich viel bedeutet?

Der Text von „The Day I Die“ wirkt auf mich sowohl erhebend als auch lethargisch, besonders wenn ich ihn live aufführe. Wenn man genau hinhört, handelt er im Grunde genommen von einer Reise in die andere Welt nach dem Tod. Ich habe diesen Titel ursprünglich für das dritte Album „Moira“ geschrieben, nachdem ich meinen Vater verloren hatte.

  • Das tut mir sehr leid … Wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Aber was ist mit dem Druck in der Musik, ständig etwas Neues zu schaffen? Woran orientierst du dich? Was macht dich kreativ?

Wie gesagt, ich zwinge mich nie zum Schreiben. Glücklicherweise bin ich in vielen anderen Musikprojekten aktiv und betreibe außerdem meine eigene Firma und einen Webshop, sodass ich immer spüre, welcher Bereich mehr Energie und Kreativität benötigt. Ich lasse mich immer von Künstlern inspirieren, deren Stil sich von Album zu Album verändert. Chelsea Wolfe zum Beispiel überrascht mich immer wieder mit der Instrumentierung, die sie für jedes Album wählt. Das ist mutig, authentisch und unglaublich ehrlich. Das schätze ich viel mehr als jemanden, der fünf Alben im gleichen Genre ohne nennenswerte Veränderungen produziert.

  • Und nun eine Frage, der kaum eine Künstlerin in einem Interview mit „Female Voices“ ausweichen kann: Kate Bush ließ sich für ihren Klassiker „Wuthering Heights“ sowohl vom Buch als auch vom Film „Wuthering Heights“ von Emily Brontë inspirieren. Welches Buch/Gedicht/Gemälde würdest du gerne vertonen oder darüber einen Song schreiben?

Im Grunde genommen sind fast alle meine Songs von Büchern inspiriert, hauptsächlich von der griechischen Mythologie. Auf meinem zweiten Album „Ourania“ habe ich sogar mein Lieblingsgedicht von Emily Dickinson, „The Secret“, vertont.

  • Zum Schluss: Wünsch dir was in der Musikbranche. Was würdest du dir wünschen?

Bitte urteile nicht nach Zahlen – schon gar nicht auf Spotify. Du weißt, wie bürokratisch diese Plattformen bei Playlists sein können. Es gibt so viele großartige Sängerinnen, Sänger und Bands da draußen, manchmal sogar mit noch besserer Musik. Tu dir selbst einen Gefallen und such nach ihnen. Kauf dir ein Ticket und geh in deinen lokalen Club zu einem Konzert einer Band, die du noch gar nicht kennst. Ich bin sicher, du wirst überrascht und beeindruckt sein von dem, was du hören und sehen wirst. So hält man Rock ’n’ Roll am Leben. Vergiss das niemals.

 

***Jawohl!!!!


*Englisch*

 

  • What was the intention behind the decision to reinterpret a handfull of your songs for “She of the Sea and Stars”?

Ann my Guard played alternative metal for over a decade, but since I started this project back in 2007, I have always been recording my demos in a more diverse style besides metal. After releasing four albums only in metal, especially after Covid, I felt that I wanted to do something different. I was also pregnant while working on the album, so I personally didn’t miss heavy drums and loud guitars in terms of instrumentation. Instead, I wanted to dive deep into melodic harmonies, ethereal sounds, and enchanting musical landscapes.

  • Has your relationship to the original songs changed in comparision to
    the new versions?

Yes and no. No, in the sense that when I wrote these songs back then, I already heard these harmonies and instruments (I always wanted live cello not only on my albums, but during live shows as well). So the artistic seed that inspired me has always been there in both versions.
But yes, it has changed in terms of performance. With the new lineup, I have more freedom for vocal expression. I can put down my bass for a few tracks and walk onstage, whereas during the metal set I was basically “chained” to my mic and bass pedal. Now I can even go down to the audience, which I love so much.

  • How do you deal with creative blocks, even when you are working with
    already existing songs?

I never have creative blocks if the song already exists and I’m just doing a reinstrumentation or recording my own cover of it. I usually get blocks only when starting to write something new. Sometimes I don’t write anything for months, then suddenly five new ideas come to me at once and I end up with five new songs in a month. Since music is my passion and I deeply respect my artistic expression, I never force myself to write—I give myself time, and it always works.

  • You dedicated this album to your son. What does that mean to you—and
    is there any reflection in your music?

As I mentioned, I was pregnant while working on this album, so this record will forever hold a special place in my heart. It was a wonderful, yet quite challenging time: recording bass with a nine-month belly (I even had trouble reaching the instrument, hahaha), doing all the mixing and mastering with a newborn next to me, and shooting music videos.
If you watch the video of Dark Sea Blue, you might notice my messy hair, puffy eyes, during I was trying to imitate a Goddess of the sea. For a moment, I was even skeptical about releasing this video—or Starseed, in which I still had my baby fat after giving birth. But I told myself: when Dorián is old enough to understand how much he and motherhood means to me, and how much they both are reflected in this album, I hope he will be happy.

I will always teach him how to be authentic, whatever he chooses to do in life.

  • The title “She of the Sea and Stars” sounds almost like a fairy tale character — is there any image associated to fairy tales which can be connected to your son?

Ah, thank you. Indeed, I love fairy tales—but even more, I love Greek mythology. Whenever I look up to the sky and see Ursa Major and Ursa Minor (which I sing about in the song Callisto), I always think about me and Dorián: how I will look after him until the end of time. We are the big bear and the little bear.

  • When you take a look back at the album, is there any lyric, a line or
    a song that means a lot to you personally?

The lyrics of The Day I Die feel both elevating and lethargic to me, especially when I perform it live. If you listen closely, it’s basically about a journey to the otherworld after passing away. I originally wrote this track for the third album Moira, after I had lost my father.

  • I‘m sorry for your loss … We live in fast-moving times. But what about the pressure in music to constantly create something new? What grounds you? What makes you creative?

As I said, I never force myself to write. Luckily, I’m active in many other musical projects, plus I run my own company and webshop, so I always sense which area needs more energy and creativity. I’m always inspired by artists whose style changes across their records. For instance, Chelsea Wolfe always surprises me with the instrumentation she chooses for each release. That’s brave, authentic, and incredibly honest. I value this much more than someone making five albums in the same genre without any markable change.

  • Being an “independent woman” in the music business is tricky. Especially since the soul works want to fly into the world. Tell me more about your efforts to bring your music to people who are active and to the listeners.

I feel like a channel—I can evoke things from other dimensions. Women have this (super)power; we just need to retune our intuition, open our hearts, and we can be messengers of a higher frequency. I’m lucky because my audience is open to this. After shows, people often come to me and say: “thank you for the trip.” That means the world to me.
My music is not just about music—it’s about the journey of the soul, into other dimensions. There is no greater compliment than someone telling me how wonderful it was to detach from this world and travel in their mind somewhere else. My job is to open that gate for everyone who seeks this journey; the journey of the soul.

  • And now a question that hardly any female artist will be able to avoid in an interview with “Female Voices”: Kate Bush was inspired by the book and the film “Wuthering Heights” by Emily Brontë for her classic song “Wuthering Heights”. Which book/poem/painting would you like to set into music or write a song about?

Basically, almost all of my songs are inspired by books, mainly Greek mythology. On my second album Ourania, I even set my favorite Emily Dickinson poem, The Secret, to music.

  • Finally: Make a wish in the music business. Your wish would be?

Please don’t judge by numbers—especially not on Spotify. You know how bureaucratic these platforms can be regarding playlisting. There are so many amazing singers and bands out there, sometimes with even greater music. Do yourself a favor and search for them. Go buy a ticket and visit your local club for a concert by a band you don’t even know. I’m sure you’ll be surprised and impressed by what you will hear and see. That’s how you keep rock ’n’ roll alive. Never forget that.

 

***Yes, that’s right. That’s what I live for. Thank you so much <3