Ich schreibe normalerweise keine negativen Kritiken, aber in diesem Fall ist es notwendig, weil… das Weltgeschehen stresst, die Politik grinst dazu wie eine schlecht programmierte Frohnatur, und ich merke, wie meine Kräfte schwinden. Dauerbelastung statt Entlastung. Kein Wunder, dass so viele krank werden. Umso größer ist die Sehnsucht nach einem Abend, der mich rettet. Musik als Rettungsring – ihr kennt das wahrscheinlich auch. Ein paar Stunden Abstand. Merch stürmen, Fotos ergattern, den Künstlerinnen danken, Interviews anbahnen, zuhause in meinem Zimmer die Fingerkuppen wundquälen. Herrlich. Ich liebs!
Golden Rhino kündigte die „Oslo Twins“ und weiteren Support an, was vielversprechend klang. Also ab ins 26 km entfernte Noel’s Ballroom. Warum nicht ins Unbekannte stürzen, ein 10-Mark-Bier und überteuerte Pepsi trinken, auf Vinyl hoffen, auf glitzernde Augen und den magischen Funkenflug im Herzen. Drei neue Female Voices. Mein Kopf sang schon: I’m so excited, and I just can’t hide it, I’m about to lose control and I think I like it..
… tja.
… Am Arsch.
Schatz
Das Intro: brachiales Glockengeläut, ein anschwellendes Mikrofon, schwerer Synth. Für einen Moment dachte ich: Ja. Genau das. Dann kam ein 40‑minütiges Set, das textlich eher zu „Kickballchange Mandy“ gepasst hätte als zu irgendetwas, das sich relevant nennt. Belanglosigkeit im Midtempo. Und währenddessen bügelte der innere Monk meiner Freundin offenbar das Outfit der Sängerin. Immerhin zeigte sie Bühnenpräsenz und gab ihr Bestes. Nur musikalisch blieb nichts hängen.
Twins in Colour
„Die Band ist verdammt gut.“ „Ich habe alle Alben.“ „Die gehören auf große Bühnen.“ „Die Sängerin ist raumfüllend.“ – wurde mir gesagt.
Dark-Psych-Synth? Die junge Frau, die ich vor dem Set sah, wirkte nicht wie die Nachtseite der Seele. Aber gut: Vorurteile ablegen. Überraschung zulassen. Vinyl in Aussicht. Kurz vor Beginn: „Es gibt eine neue Sängerin…“ Als sie anfing zu singen, schauten wir uns nur an. Entsetzt. Kopfschüttelnd.
Und wenn man schon eine Bassgitarre stimmt, könnte man sie vielleicht auch spielen. Niemand verlangt Fieldys KoRn-Riffs. Aber ein Bass als Deko? Schade um das Instrument. Die Performance war ein Gehopse ohne Linie, ohne Fundament, ohne irgendeine Form von Präsenz. Nina ist keine Stimme für dieses Genre. Mach etwas anderes. Wirklich.
Oslo Twins
Nach 2,5 Songs brachen wir ab. Wir hielten es nicht mehr aus. Die synthetische Musik der Jungs war nicht einmal schlecht – aber null Präsentation, null Energie, null Größe der zarten Sängerin. Kein Leben, kein Funkeln, kein Risiko. Auf der Bühne stand eine Stimme ohne Körper und ein Körper ohne Präsenz.
Auch du: mach etwas anderes.
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Nur zur Info: Lebenszeit ist kostbar!
Die Bands sollten eine Abmahnung bekommen. Nicht, weil sie schlechte Menschen sind, sondern weil sie auf eine Bühne gehen, ohne etwas zu sagen zu haben. Und dafür ist mir meine erschöpfte Lebensenergie zu schade. Drei Bands? Und keine einzige schafft es, mehr als „etwas für Fans“ zu sein? Das ist bitter.
Gut, ich zahlte für uns Lehrgeld, um zukünftig die Bands vorzuhören.
Als wir gingen, saß eine Frau vor dem Ballroom, und seufzte uns an: „Ist das langweilig!“ Wem sagst du das. Wem sagst du das! Am Ende blieb nur die Erkenntnis, dass selbst ein schlechter Abend lehrreicher sein kann als drei Bands, die nichts zu sagen haben. Immerhin hatte meine Freundin Kopffreiheit vom inneren Bügeln.

