Wir kennen sie alle, diese Zwischenräume, in denen wir festhalten wollen, was war und spüren gleichzeitig, dass etwas Neues ruft. Ein Moment des Zögerns, ein Atemzug voller Ungewissheit. Und dann bricht ein neuer Tag an, die Sonne fällt anders ins Zimmer, und plötzlich wirkt die Zukunft wieder möglich. Für Sängerin und Songwriterin Tine von Bergen sowie Pianist und Komponist Till Moritz Moll formte sich genau aus diesem Spannungsfeld heraus „Future Selves“, ihr neues, futuristisch schimmerndes Album.
Denn I Want Poetry erging es so im Sommer 2024. Mit „SOLACE + LIGHT“ hatten sie zurückgeblickt, Abschiede verarbeitet, die Vergangenheit hinter sich gelassen und ein Licht in sich gefunden, das sie verbindet und den Weg erhellt. Und dieser Weg begann lange zuvor – im Jahr 2020, mit ihrem Debüt „Human Touch“: einem Album voller träumerischer Schwermütigkeit, auf dem die Band die Zerbrechlichkeit zwischenmenschlicher Nähe und die Beziehung des Menschen zur Natur in schimmernde, melancholische Klanglandschaften legte.
Doch irgendwann war es Zeit für etwas Neues. Zeit, sich aus dem Rückblick zu lösen und nach vorn zu öffnen. Zeit, sich auf die Suche nach ihren Future Selves zu machen. Sie fragten sich: Wer wollen sie sein. Wie wollen sie leben. Und wie soll ihre Zukunft aussehen. Die Antworten – und ihr zukünftiges Selbst – trugen sie längst in sich.
Zu wissen, dass ich die Zukunft selbst gestalten kann, dass ich Einfluss nehmen kann, über das, was ich tue – und dass ich auch für mich selber entscheiden kann, in welche Richtung ich mich entwickeln möchte – das hat etwas unglaublich kraftvolles, empowerndes und befreiendes. Diese Selbstwirksamkeit zu spüren und zu leben, das war für mich von Anfang an der Kern von Future Selves. – Tine
I WANT POETRY glauben daran, dass Zukunft nichts Festgeschriebenes ist. „Dass wir heute mehr Möglichkeiten haben als je zuvor. Und dass wir eine Zukunft erschaffen können, die hell, bunt und aufregend ist – jede:r für sich und alle gemeinsam.“
„Schon mit den ersten Beats, den ersten Akkorden für das neue Album haben wir eine unbändige Freude empfunden und eine Lust auf das, was kommt. Und als wir die Songs dann zum ersten Mal live gespielt haben, da haben wir gemerkt: Dieser Funke, diese Hoffnung, dieser Wille zu gestalten ist da, in uns, in dir, in all den wunderschönen Menschen, die ihr diese Gemeinschaft bildet. Und das hat uns unglaublichen Mut gemacht.“ – I WANT POETRY
Mit dem titelgebenden Opener „Future Selves“ eröffnen I WANT POETRY das Zentrum des Albums mit einem Aufruf zur Selbstwerdung. Es ist ein Innehalten zwischen dem, was wir waren, und dem, was wir noch werden können. Hier zeigt sich die Sehnsucht nach Veränderung, ebenso wie die Ehrfurcht vor dem Prozess. Sowohl der Song wie auch das gesamte Album feiert die Möglichkeit der Neuerfindung, ohne die Mühen des Wachstums zu verschweigen.
Mit „Apology“ gleitet das Dresdner Duo noch einmal in ihren vertrauten Dreampop‑Schimmer. Unter der weichen Oberfläche jedoch liegt ein leiser, sehr menschlicher Schmerz. Die Lyrik zeichnet das Nachhallen einer Beziehung nach, die weniger an großen Konflikten zerbrach als an all den Momenten, in denen beide schwiegen. Am Ende bleibt das Eingeständnis, dass eine einfache Entschuldigung gereicht hätte, um sich wieder zu sehen.
Als urbaner Spiegel setzen I WANT POETRY mit „Supersize World“ einen klaren Kontrapunkt zur Überwältigung einer Großstadt wie New York, wo das Video entstanden ist. Der Song spielt mit dem Bild einer Welt, die ständig „mehr“ will – größer, lauter, schneller – und einer Erzählerin, die sich diesem Rhythmus entzieht. „Oh I’m not a supersize kind of girl“ wird zum leisen Manifest gegen das Überbordende. Es ist ein Traum von Reduktion, von einem Leben, das nicht von Überfluss, sondern von Klarheit getragen wird. „Give me something very small“ klingt wie ein Gegenzauber zur Reizflut, die New York so greifbar macht. Zwischen Minimalismus und Sehnsucht nach einem „simple kind of life“ entsteht ein Song, der die Spannung zwischen globaler Übergröße und persönlicher Bedürfnislosigkeit poetisch auflöst.
„Mirror in the Sky“ gehört ebenfalls zu den Songs, die das frühere I-WANT-POETRY‑Gefühl besonders stark heraufbeschwören: dieses Schweben zwischen Licht und Schatten, in dem die eigene Vergangenheit plötzlich wieder greifbar wird. Der Song wirkt wie ein Rücksturz in Kindheit, Wald und Wasser – Orte, die weniger geografisch als seelisch sind. Die wiederkehrende Zeile „Seas are the mirrors of the sky“ öffnet ein Bild, das typisch für das Duo ist: Natur als Resonanzraum für Erinnerung und Identität.
Der harte Cut vom vertrauten Dream‑Pop und Synth‑Pop hin zu einer offeneren, mutigeren Indietronica zeigt, dass „Future Selves“ für I WANT POETRY mehr ist als nur ein neues Kapitel. Dieses Album macht Mut den Wandel nicht als Bruch zu deuten, sondern als Bewegung zu verstehen. Die Songs erzählen von Aufbruch und Verletzlichkeit, von Reduktion und Weite, von der Sehnsucht nach einem Leben, das wir selbst gestalten dürfen, solange wir auf Erden weilen.
Zudem gleiten die futuristischen Synths wie Lichtkaskaden über die Zeilen und lassen jene I-WANT-POETRY‑Momente entstehen, die perfekt durchdacht sind und ein Gefühl von Weite tragen – ein Zurückführen zu einem Ursprung, den man neu betreten darf.
„Future Selves“ glitzert, leuchtet, strahlt und zeigt uns, dass Veränderung nicht laut sein muss, um wahr zu sein. Und dass wir, wenn wir den Mut haben hinzusehen, längst auf dem Weg zu unserem zukünftigen Selbst sind.
Ach ja, … I WANT POETRY haben recht:
The future is calling and we need no reason – just heart.
*** Es ist ein tolles Album geworden. Ehrlich gesagt hätte ich das nicht erwartet, als ich die ersten neuen Songs damals im Horns Erben live hörte – der Cut war mir zu hart, zu weit weg vom Gewohnten. Und doch bin ich mitgegangen. Schritt für Schritt. Und irgendwann traf es mich wie eine Sternschnuppe am Nachthimmel: unerwartet, leuchtend und spacig schön zugleich.
Aufgrund von I WANT POETRY habe ich ein Future Selves betreten (dürfen), von dem ich nicht einmal wusste, dass es in mir existiert. Dieses Duo hat meine Sinne erneut erweitert, mich getragen, als mein Denken kurz ins Stocken geriet. Jetzt habe ich nicht nur ein neues Verständnis von mir selbst, sondern auch den Soundtrack dazu. Danke! Viele Sternenstaubküsse aus Eilenburg nach Dresden.
Meine Vinyl: Signierte180g heavy colored vinyl im Gatefold mit allen Lyrics. Die Vinyl ist pink, sehr sexy. Schnappt sie euch!
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Albumcover: Sandra Ludewig

