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Annemaríe Reynis – Im Interview

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Interviews

Annemaríe Reynis – Im Interview

  • Hallo Annemaríe, ich freu mich sehr, dass ich „Dich“ auf der Damentoilette in der Scheune zu Dresden kennenlernen durfte. – Als Werbeplakat natürlich! Wie geht es Dir, auch in der gegenwärtigen Krise?

Ja, das ist auf jeden Fall eine schöne Kennenlerngeschichte! Ich freue mich auch sehr, dass wir uns „begegnet“ sind.

Im Moment geht es mir ganz gut. Das erste Lockdown war auf jeden Fall schwieriger für mich, weil alles so dermaßen ungewiss war und ich manchmal dachte „Das war’s jetzt. Alle kleinen Clubs werden kaputt gehen, niemand wird sich mehr für meine Musik interessieren und ich kann eigentlich alle meine Pläne kippen“.

Mittlerweile bin ich da etwas zuversichtlicher. Ich hätte im November Konzerte gehabt und konnte aber zum Glück alle ins nächste Jahr verschieben, das ist schonmal gut. Ich hoffe einfach ganz sehr, dass vielleicht auch im Frühjahr schonwieder ein paar Konzerte unter Hygieneauflagen stattfinden können und dass sich gegen Ende nächsten Jahres alles so langsam wieder normalisiert. Bis dahin kann ich mich auf jeden Fall noch irgendwie beschäftigen…

Ich habe in den letzten Monaten aber auch gemerkt, dass ich nicht allein bin, sondern wirklich gute Unterstützung erfahre: durch meine Band, die jetzt einfach mit mir ins Studio gehen und an Songs arbeiten will. Durch meine Freund*innen und Fans, die gerade mein Crowdfunding zum Explodieren bringen und auch durch Musik-Kolleg*innen. Da ist gerade viel Austausch, weil alle so ein bisschen den Atem anhalten und in Gespräche kommen, für die sonst nie Zeit ist, weil immer alle so viel zu tun haben.

  • Deine EP wurde nun veröffentlicht. „Her Own Home“. Ein Crowdfunding-Projekt, wobei Dein Ziel sehr schnell erreicht wurde. Herzlichen Glückwunsch dafür! Kannst Du Dir das eigentlich erklären? Zumal es ein großes Kompliment ist. Mich hat es für Dich sehr gefreut!

Vielen lieben Dank! Ja, ich bin immer wieder erstaunt, welche Dynamik so ein Crowdfunding nehmen kann. Ich habe vor fünf Jahren schon mein Debütalbum durch Crowdfunding realisieren können und da war es auch schon so, dass ich überwältigt und überrascht davon war, wie viele Menschen mich tatsächlich auf diesem Weg unterstützen möchten. Ich glaube, die meisten Menschen möchten einfach gern etwas Gutes tun und so ein Crowdfunding ist ja auch wie ein gemeinsames Abenteuer. Man packt eben zusammen etwas an und schafft etwas.

Aber diese Crowdfunding-Dynamik wird dieses Mal für mich noch krass verstärkt, weil ich mich erfolgreich auf den Matching-Fonds des Branchenverbandes „Wir Gestalten Dresden“ bewerben konnte. Sie verdoppeln jeden Euro, den jemand in mein Projekt steckt. Da geht es bei größeren Beiträgen dann plötzlich ganz schnell!

  • „Her Own Home „- Can she feel safe in – HER OWN HOME? Kann sie?

Nein, das kann sie leider sehr häufig nicht. Aus einer Studie der UN zu häuslicher Gewalt lässt sich nämlich ableiten, dass, statistisch gesehen, der gefährlichste Ort für eine Frau*, ihr eigenes Zuhause ist. In Deutschland wird jeden dritten Tag eine Frau* von ihrem Partner oder Expartner ermordet. Das ist ein krasses Problem, über das viel zu wenig gesprochen wird. Gerade jetzt in dieser sehr belastenden Zeit, wo wir alle viel zuhause sein müssen, nehmen die Fälle häuslicher Gewalt zu. Das zeigen Studien z.B. aus China oder Italien.

  • Du setzt Dich nicht wie andere Musikerinnen mit Themen wie Liebe, Sehnsucht und Schmalz auseinander, sondern Deine Schlagwörter sind: Female Empowerment und Victim Blaming.

Haha, naja, es ist ja irgendwie beides. Angefangen hat es bei mir mit Songs über Liebe, Herzschmerz und Sehnsucht. Das steckt auch immer noch in den Songs. Als die Songs für „Her Own Home“ fertig produziert waren und ich sie mir in Ruhe angehört habe, habe ich irgendwann verstanden, dass es da noch eine andere Ebene gibt.

Ich hatte kurz vorher viel für einen Frauen*verein in Dresden gearbeitet, wo z.B. auch Frauen* hinkommen, die es nicht oder nur sehr schwer schaffen, sich aus Partnerschaften zu lösen, die nicht gut für sie sind, in denen sie vielleicht sogar Gewalt erfahren.

Als Außenstehende versteht man oft nicht, wieso sie sich nicht einfach trennen. Dann habe ich meine eigenen Songtexte gehört und darüber nachgedacht, wie ich mich in so mancher Beziehungssituation gefühlt habe und festgestellt, dass so etwas auch mir passieren könnte. Dass auch ich z.B. emotionale Abhängigkeit erlebt habe und dass auch ich mit falschen Vorstellungen über Beziehungen groß geworden bin, irgendwie. Und dann gibt es so viele Popsongs, in denen dieses Bild von „Liebe ist kompliziert“ und „Liebe tut weh“ kommuniziert wird.

Ich glaube, es ist sehr gefährlich, wenn keine anderen Geschichten über Beziehungen erzählt werden und man diese Bilder zu stark verinnerlicht. Da wollte ich etwas anders machen.

  • Das Schlagwort „Empowerment“ ist gegenwärtig omnipräsent, so auch bei Dir. Was erweckt Female Empowerment in Dir?

Für mich bedeutet das, dass ich mich sehr viel damit auseinandersetze, wie ich eigentlich groß geworden bin, welche Glaubenssätze ich verinnerlicht habe, wo ich nicht fair behandelt wurde, weil ich ein Mädchen bzw. eine Frau bin. Es braucht einiges an Information, um zu realisieren, dass es tatsächlich etwas mit dem eigenen Geschlecht zu tun haben könnte, dass man an der einen oder anderen Stelle nicht gerecht behandelt wurde. Die Benachteiligung von Frauen* und Mädchen* ist ja sehr tief in unserer Kultur verankert. Viele Umstände, die Frauen* benachteiligen, nehmen wir also als ganz „natürlich“ und „normal“ wahr – aber das sind sie nicht!!

  • Auch hast Du Dich schon gegenüber Hatespeech und Diskriminierung positioniert!

Ja das stimmt. Gemeinsam mit meinem Freund und Kollegen Johnethen Fuchs habe ich vor zwei Jahren einen Song darübergeschrieben, wie es denn wäre, in einer Welt ohne Hass und mehr gegenseitigem Verständnis, mehr Mitgefühl zu leben. Dieses Thema ist bei mir seit 2015 sehr präsent, seit Pegida so stark in Dresden geworden ist. Es macht mich fertig, wie gespalten diese Stadt ist und wie alltäglich rassistisches und anderweitig diskriminierendes Gedankengut hier mittlerweile ist.

  • War es nicht schwer für Dich solch ein intensives und berührendes Werk zu schreiben?

Oohh, vielen Dank erst einmal für das Kompliment!! Ich freue mich total, wenn ich mitbekomme, dass meine Musik andere Menschen emotional bewegt. Das ist wirklich, wirklich toll.

Ja, manchmal ist es schwierig. Man muss wieder sehr tief reingehen in die Gefühle, über die man schreiben möchte. Manchmal überrumpelt man sich damit ein bisschen selbst. Mir fällt es deshalb leichter, Songideen nur grob aufzuschreiben, wenn ich gerade eine emotional sehr intensive Zeit erlebe und den eigentlichen Song erst später zu schreiben, wenn ich etwas mehr Abstand habe. Dann kann ich die Gefühle besser aushalten und mich mehr darauf konzentrieren, wie der Song klingen soll.

Oft ist es aber auch sehr therapeutisch, weil man alle Gedanken und Gefühle zu Papier bringen kann und etwas Gutes daraus entstehen kann. Bei „Drunk By The Piano“ habe ich mich übrigens nicht an diese Regel gehalten, haha, da war ich wütend und wusste nicht so richtig, wohin mit mir. Nachdem ich den Song geschrieben hatte, ging es mir echt besser, weil ich all die Dinge loswerden konnte, die ich meinem Exfreund gern gesagt hätte, aber nicht sagen konnte, weil das nicht vernünftig gewesen wäre.

  • Dein Vögelchen „Little Bird“ hat auch einen privaten sowie sehr emotionalen Hintergrund.

„Little Bird“ habe ich für meine damalige Stieftochter geschrieben (ihr Vater und ich sind schon eine Weile nicht mehr zusammen). Sie hat eine Entwicklungsstörung / „geistige Behinderung“ und ich fand es nicht gut, dass sie wie unter einer „Käseglocke“ aufwuchs und ihr eigentlich nichts zugetraut wurde.

Ich glaube, dass allgemein Mädchen* viel häufiger als Jungs* überbehütet aufwachsen und zu viel „beschützt“ werden, sodass sie auch schwer lernen können, sich selbst zu behaupten. Wenn ein Mädchen* dazu noch eine Behinderung hat, ist das noch viel ausgeprägter. Ich sehe das als einen der Faktoren, wieso Mädchen*/Frauen* (vor allem mit Behinderung) viel häufiger Opfer sexualisierter Gewalt werden als Jungs*/Männer*.

  • In „Shame“ setzt Du Dich mit Victim Blaming auseinander. Schwere Kost! Sehr schwere Kost!

Uh ja, das stimmt. Ich sehe den Song aber tatsächlich mehr als eine Art „Phönix aus der Asche“-Song. Es ist schon ein sehr wütender Song, aber er zeigt vor allem auch Kraft und Stärke. Oft schaffen es Gewaltopfer nicht, eine Anzeige zu machen, weil die Tat sie so krass fertig gemacht hat und sie lieber einfach ihre Ruhe und Frieden möchten. So bleiben viele Täter unbehelligt.

Victim Blaming ist da ein noch ein zusätzlicher Faktor, der eigentlich nur die Täter schützt. Aber auch das ist etwas, was in unserer Kultur und in unserem Denken fest verankert ist und dringend verändert werden muss: „zieh nicht so einen tiefen Ausschnitt an, das ist gefährlich!“. Gewaltopfer brauchen Fürsprecher*innen und nicht Polizeibeamt*innen oder Gerichtsverteidiger*innen die sie fragen, was sie an dem Tag eigentlich anhatten.

  • Und in „Drunk By The Piano“ warst Du betrunken. Ich glaube, das machen wir alle mal durch! Und es interessant, was dabei herauskommt, wenn die Zeilen am kommenden, nüchternen Tag gelesen werden.

Haha, ja. „Write drunk, edit sober!“ hat mir mal ein Freund gesagt. Ich bin aber nicht immer betrunken, wenn ich Songs schreibe, haha. Das wäre auch nicht gut. Eigentlich geht es nur darum, sich für einen Moment von allen Vorgaben und Normen und Vorbehalten befreien zu können, um kreativ zu sein. Das geht gut mit Wein, geht aber auch ohne.

 

  • Wortspielerei: Aus einem Schreibfehler entstand die Frage: „Her Own Way“. Wie und wann bist Deinen eigenen Weg als Musikerin gegangen? Gibt es ein Ziel oder soll es kein Ziel geben? Quasi: Mein Ziel ist kein Ziel. (Mein Konzept ist kein Konzept – aus dem Film „Verschwende Deine Jugend“)

Ooh, schwierige Frage. Also, seit drei Jahren habe ich jetzt eine Steuernummer als Musikerin. Mit der Steuernummer war mir irgendwie klar, dass ich das jetzt professionell mache. Das klingt voll seltsam und irgendwie fad, aber so ticke ich wohl. Ich habe immer „irgendetwas und Musik“ gemacht: Schule und Musik, Ausbildung und Musik, Job und Musik, Studium und Musik.

Über die Zeit habe ich gemerkt, dass es mir besser geht und ich zufriedener mit meinem Leben bin, je mehr Zeit ich für meine Musik habe. Mein Traum als Teenager war: „Irgendwann mal auf der Bühne stehen und meine eigenen Songs vor Publikum spielen“. Mehr Ziele hatte ich diesbezüglich nicht. Diesen Traum habe ich mir jetzt schon vor einigen Jahren verwirklicht und ich frage mich oft, was soll denn da jetzt noch kommen?!

Aber zum Glück wachsen die Wünsche mit den Erfahrungen, haha… jetzt träume ich von coolen Bühnen und Clubs, in denen schon Musiker*innen gespielt haben, die ich toll finde. Einige dieser Bühnen konnte ich sogar schon erobern. Oder mal Support zu spielen für eine Band oder Musiker*in, die ich verehre. Für Eivör oder Anna Ternheim zum Beispiel. Da würde ich mir so richtig in die Hosen machen, falls das passieren sollte!! Oder auf dem Reeperbahn Festival zu spielen. Da wäre bestimmt wieder so ein Punkt, wo ich dann denke: „…und was bitte, soll ich jetzt noch erreichen? jetzt habe ich doch echt alles geschafft!“, haha.

 

  • Nun zu meinem Lieblingsthema: Frauen im Musikbusiness. Ich würde gerne Deine Erfahrung wissen wollen.

Es gibt sie und sie fangen an, sich zu verbünden! Das ist gut, sehr gut. In Dresden gibt es seit diesem Jahr einen Stammtisch für Musikerinnen* und Anfang kommenden Jahres wird der sächsische Ableger von „Music Women Germany“ gegründet, eine Plattform bzw. Initiative, die die Sichtbarkeit von Frauen* im Music Business erhöhen will und über die sich Frauen* miteinander vernetzen können.

Es ist einfach leider so, dass Frauen* im Musikgeschäft häufig nicht wirklich ernst genommen werden von ihren männlichen* Kollegen. Da werden die männlichen* Bandmitglieder nach dem gewünschten Sound Setup gefragt statt der Bandleaderin oder Festival-Line-Ups sind rein männlich* besetzt, weil es ja keine ebenbürtigen weiblichen* Künstlerinnen gäbe oder so ähnlich lauten dann die Begründungen.

Frauen* trauen sich tendenziell auch zu wenig zu, vor allem was Tätigkeitsfelder betrifft, die traditionell eher Männern* zugeschrieben werden: Soundtechnik zum Beispiel. Ich nehme mich da nicht aus. Mir fällt es auch schwer, meine Ängste an dieser Stelle zu überwinden und Dinge selbst zu übernehmen, von denen ich aus irgendwelchen Gründen glaube, sie nicht so gut zu können. Da würde ich mir wünschen, dass es (noch) mehr Kollegen gäbe, die in der Lage bzw. Willens sind, einem das auf Augenhöhe zu erklären und nicht „von oben herab“, wie es leider auch häufig passiert, denn das ist ziemlich demotivierend.

  • Gibt es für Dich eine Künstlerin, zu der Du aufschaust, die Dir Kraft und Inspiration schenkt?

Viele, sehr viele! Ich habe mein Herz ein bisschen an Island verloren, deswegen sind viele der Künstlerinnen, die ich verehre, dort oder in der Nähe angesiedelt. Zu meinen größten Vorbildern gehören Eivör, Anna Ternheim, Marketa Irglova und Sóley. Diese Frauen haben echt total was auf dem Kasten und jede für sich ist eine ganz spannende Persönlichkeit, finde ich.

  • Und nun zum Abschluss meine Lieblingsfrage, die ich bestimmt jeder Künstlerin stellen würde: Welches Buch oder welches Gedicht würdest Du gerne vertonen?

An der Stelle muss ich jetzt ganz beschämt zugeben, dass ich leider wenig lese. Meistens fehlt mir die Ruhe dazu. Ich habe als Teenager noch mehr gelesen und habe ein paar Gedichtbände von Eva Strittmatter aus dieser Zeit. Vielleicht würde ich eines ihrer Gedichte vertonen…

Danke sehr <3
Ich danke DIR!!!

 

Titelbild: Elisabeth Mochner

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