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Eine bedeutende Form von Nähe: Was Musiker:innen in uns hinterlassen, wenn sie gehen
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Eine bedeutende Form von Nähe: Was Musiker:innen in uns hinterlassen, wenn sie gehen

Ich weiß nicht, ob einige von euch diese Gedanken kennen oder nachvollziehen können:

Ich bin in einem Zuhause aufgewachsen, das von Verletzungen, Ängsten und mangelnder Sicherheit geprägt war. Denn ich lebte mit Menschen, die ihre eigenen Kämpfe hatten und ihre Wunden oft an anderen ausließen. Für ein Kind war das nicht leicht auszuhalten. Halt fand ich dort keinen. Stattdessen lernte ich früh, Schutzräume in mir selbst zu suchen.

Dennoch bemerkte ich irgendwann, dass ich Verhaltensweisen übernommen hatte, die ich nie hatte übernehmen wollen. Es dauerte lange, bis ich verstand, wer ich eigentlich sein wollte. Noch länger dauerte es, bis ich begann, zu diesem Menschen auch zu werden.

Es brauchte zehn Jahre Therapie, um wieder zu mir zu kommen. Ferner ein kleines Studium, um die Therapiemethode selbst zu erlernen und dadurch weiter zu mir selbst zu finden. Ich wollte nicht so sein wie sie. Nein, verdammt. Ich wollte ich selbst werden!

Wahrscheinlich bin ich noch nicht ganz dort angekommen. Aber ich lerne jeden Tag dazu. Ich reflektiere mich selbst und versuche zu verstehen, wer ich bin, woher ich komme und wohin ich möchte.

Aber wo war ich eigentlich gerne? Ja. Wo war ich gerne?

Tief in der Musik. Versunken in den Texten der Musik. Dort war meine Zuflucht, mein Zuhause, mein sicherer Raum. Ein Raum, dessen Tür ich verschließen konnte, ohne dass mich jemand störte, anschrie oder verletzte. Außer, ich wollte es. Dann ließ ich jemanden durch die Tür – jedoch nur aus den Lautsprechern heraus. Es war die Musik, in der ich mich wiegen, einfühlen, tanzen und befreien konnte. Musik, die mir Überleben schenkte.

Und da waren sie: die Sängerinnen und Sänger. Die Musikerinnen und Musiker, in deren Songs ich mich verlieren durfte.

Also wuchs ich mit ihnen auf, ohne sie persönlich zu kennen; und wurde Teil dieser schwingenden, um mich schwebenden Musikmoleküle. In ihren Texten fand ich mich selbst wieder. Denn dort wurde ich abgeholt. Ich konnte ankommen, durfte bleiben, fühlte mich verstanden.

Manche Texte fühlten sich an wie mein Leben. Manche Zeilen gaben mir Kraft. Sie gaben meinem Leben einen Mehrwert – einen Grund weiterzuleben und manchmal auch einfach nur, um zu überleben. Es hat dazu lange gebraucht, um zu begreifen, dass ich zum Leben gehöre.

Ich wuchs mit Musik im Ohr auf. Mit Songs und Alben. Ich kaufte sie, verschenkte sie, verkaufte sie und kaufte sie irgendwann wieder zurück – manches von dem, was ich einst vergessen wollte. Und genau das ist geblieben: Musik ist und bleibt Bestandteil meines Lebens.

Ja, und dann gibt es diesen kummervollen Moment, in dem ein Mensch stirbt, den man eigentlich nie gekannt hat. Ich meine nicht die private Person selbst, sondern die Person, die uns ihre Musik schenkte. Es fühlt sich an, als würde jemand fehlen. Sehr fehlen. Unglaublich fehlen. Nicht, weil man gemeinsam am Tisch oder am Bartresen gesessen hätte. Auch nicht, weil man gemeinsame Erinnerungen miteinander geteilt hätte. Es liegt daran, dass die Stimme, die Musik und die Texte schon so lange in den eigenen Gedanken wohnen.

Man kennt den privaten Menschen nicht. Aber man kennt die Stimme und die Songs, die einen begleitet haben. Man kennt die Zeilen, die man irgendwann auswendig konnte. Genauso kennt man die Gefühle und Momente, die man mit ihnen verbunden hat. Und dann gibt es noch diese wertvollen Geschichten von kurzen Begegnungen, die im Herzen bleiben.

Und plötzlich ist da dieser Gedanke: Sie oder er ist nicht mehr da. Und dennoch bleibt etwas hier. In den Songs und den Texten. In den Erinnerungen von Menschen, die die Musikerin oder den Musiker kannten – und vielleicht auch in den Erinnerungen von Menschen wie mir, die sie nie persönlich kennenlernen durften.

Vielleicht ist genau das eine besondere Form von Nähe: Jemand kann eine fremde Person sein und trotzdem ein Teil des eigenen Lebens werden.

Wenn eine Musikerin oder ein Musiker schwer erkrankte, fieberte ich mit, schickte heimlich Gebete und hoffte, niemand würde bemerken, dass ich gläubig bin. Durch ein Konzert wurde ich wachgerüttelt. Ich erkannte, dass ich mich dafür nicht schämen muss. Dass ich dazu stehen darf. Dass es okay ist.

Wenn eine Musikerin oder ein Musiker stirbt, dann ist es so: Man lebt weiter und man trauert. Trotzdem stirbt ein Teil von einem selbst mit.

Aber ich bin da!

Und die Musik auch.

Die Menschen gehen

Die Musik bleibt.

Und manchmal bleibt dadurch auch ein Teil von ihnen in uns. Für mich ist das ein unendliches Vermächtnis.

Solange ich hören kann.

Solange ich fühlen kann.

Danke!


Nachwort:

Dieser Text entstand nach dem Tod von Bruno Kramm – Musiker, Produzent und Labelpapa von Danse Macabre Records.

Besonders berührt hat mich der Abschiedstext seines langjährigen Weggefährten und der Stimme von Das Ich, Stefan Ackermann. Seine Worte haben in mir die Frage ausgelöst, was Musiker:innen in Menschen hinterlassen, wenn sie gehen.

Im Schreiben mit einem Freund entstand dazu ein Gedanke, der mich nicht mehr losgelassen hat: „Immer, wenn eines unserer Idole geht, ist es, als wenn ein guter Freund geht, den man seit vielen Jahren kennt.“ Ich antwortete: „Oh ja. Das ist so unrealistisch. Ein Teil stirbt dann mit.“

Das war Anfang dieses kleinen Essays. Ein Nachdenken darüber, wie ein Mensch, den man nie persönlich gekannt hat, trotzdem so tief Teil des eigenen Lebens werden kann.

Mathias hat mich sowohl zu diesem Text inspiriert als auch das Titelbild dafür zur Verfügung gestellt. Dafür danke ich ihm von Herzen.

Titelbild: Mathias Jäckel