Auch Eivør blickte für ihr neues Werk in den Nachthimmel und sann über das Leben nach. Auf ihrem zwölften Studioalbum „Tungl“, dem färöischen Wort für Mond, folgt sie den Zyklen des Menschseins. Wie die Phasen des Mondes wechseln auch im Leben Zeiten des Wachsens und des Loslassens, des Lichts und der Dunkelheit. Diese Bewegung zieht sich wie ein silberner Faden durch das Album. Zwischen Zärtlichkeit und Herzschmerz, Liebe und Verlust entfalten die Songs eine leise, aber beständige Botschaft von Widerstandskraft, Wandlung und Erneuerung.
Eingebettet in nordische Naturbilder, alter Mystik und großer Melancholie erzählt „Og mánin græt“ („And The Moon Cried“) von Abschied, Sehnsucht und der schmerzhaften Erkenntnis, einen geliebten Menschen loslassen zu müssen. Während der Mond im Meer versinkt und das lyrische Ich zwischen Erinnerung und Verzweiflung schwankt, keimt bereits jene Hoffnung auf, die selbst im Verlust den Samen von Heilung und Erneuerung in sich trägt.
Wenn aus Trauer Bewegung und aus Abschied neue Kraft erwächst, wird der Drache in „Drekafljóð“ („Dragon Maiden“) zum Sinnbild von Wildheit, Schutz und Transformation. Die goldenen Flügel stehen für eine neu gewonnene Stärke und die Bereitschaft, sich dem Wandel anzuvertrauen. Eivør beschreibt die „Dragon Maiden“ als innere Kraftquelle: „Dragon Maiden ist die ungezähmte, intuitive Kraft, die in dir lebt. Sie gibt dir Flügel und erinnert dich daran, wer du bist“, erklärt sie auf ihren Kanälen.
Nach der aufkeimenden Selbstermächtigung von „Drekafljóð“ folgt mit „Verjugarðar“ („Walls“) ein Moment schmerzhafter Verletzlichkeit. In „Verjugarðar“ geht es um Mauern, Schweigen und die Sehnsucht nach Verbindung. Die Mauern sind nicht zwangsläufig die des anderen Menschen. Oft sind es die eigenen: Stolz, Scham, Unsicherheit oder die Angst vor Zurückweisung. Eivør erzählt von den Mauern, die Menschen errichten, um sich vor Enttäuschungen und Nähe gleichermaßen zu schützen. Besonders bewegend ist dabei die Rolle des Schweigens. Ungesagte Worte schweben wie Geister durch den Raum und hinterlassen eine Leere, die tiefer schmerzt als offene Konflikte. Während verborgene Gefühle durch die Risse der Mauern dringen, wächst die Sehnsucht nach Verbindung und Versöhnung.
Mit einem starken Herzklopfen gerät man in „Spøkilsir“ („Revenants“) in die Konfrontation mit den Geistern der Vergangenheit. In stockfinsterer Nacht bevölkern rastlose Erscheinungen die Gedankenwelt des lyrischen Ichs. Sie singen uralte Verse und erinnern an all das, was war und bis in die Gegenwart nachhallt. Dabei erscheinen die Gestalten weniger als bedrohliche Schatten, denn als Träger von Erinnerung und überliefertem Wissen. „Spøkilsir“ erzählt von der Bereitschaft, sich den eigenen Schatten zu stellen, anstatt vor ihnen davonzulaufen.
In „Healer“ richtet sich der Blick auf Selbstmitgefühl und innere Versöhnung. Gerade in dieser stillen Zuversicht liegt die besondere Stärke des Songs, der einen Weg öffnet, den wir als Zuhörende mitgehen können. Inspiriert von der Weisheit des Hávamál wirkt das Lied wie ein Gespräch zwischen dem früheren und dem heutigen Ich sowie jenem Menschen, der wir vielleicht eines Tages sein werden. Es erzählt vom Weitergehen, ohne die eigenen Wunden zu verleugnen. Ferner vom Mut, sich nicht durch Hindernisse definieren zu lassen, und von der Sanftheit, die entsteht, wenn wir uns selbst aufmerksam zuhören.
Gemeinsam mit ihrer Schwester Elinborg widmet sich Eivør in „Fangað“ („Trapped“) den emotionalen Fesseln, die Menschen an Erinnerungen, Beziehungen und vergangene Hoffnungen binden. Die Stimmen der beiden Schwestern verleihen dem Song dabei eine besondere Intimität und Tiefe. Einst war die angesprochene Person Licht, Hoffnung und Neubeginn, nun droht sie das lyrische Ich in eine dunkle Welt hineinzuziehen. Zwischen Sehnsucht und Erkenntnis entsteht ein innerer Konflikt: Obwohl die Gewissheit besteht, dass alles seine Zeit hat und irgendwann endet, bleibt das Loslassen schmerzhaft.
Mit „Everyone But Me“ findet das Album einen ebenso nachdenklichen, wie versöhnlichen Abschluss. Eivør zeichnet das Bild eines Menschen, der sich ohne Ruder auf offener See wiederfindet, den Stürmen des Lebens ausgesetzt und auf der Suche nach Orientierung. Mond und Sterne werden dabei zu stillen Begleitern einer Reise durch Zweifel, Verlust und Hoffnung.
Mir erscheint „Tungl“ wie eine nächtliche Wanderung durch Erinnerungen, an deren Ende die Erkenntnis steht, dass Wachstum erst dann möglich wird, wenn man auch die Dunkelheit als Teil seiner selbst akzeptiert.
Besonders schön ist dabei, dass der Mond immer wiederkehrt. Das Album beginnt mit „Og mánin græt“ und dem weinenden Mond als Zeugen eines Abschieds. In „Everyone But Me“ wird er erneut angerufen, diesmal als Wegweiser in der Dunkelheit. So schließt sich der Kreis. Am Ende bleibt die wichtigste Reise von allen: die Reise zu sich selbst.
Wissenswertes:
Für 2027 sind bereits Tour-Slots in Deutschland angekündigt. Mir wurde mehrfach erzählt, dass Eivør jeden Euro wert ist. Ihre Konzerte sollen magisch sein. Na, dann los …
- 27.02.2027 – Hamburg, Docks
- 28.02.2027 – Hannover, Capitol
- 09.03.2027 – Köln, Live Music Hall
- 10.03.2027 – Stuttgart, LKA Longhorn
- 11.03.2027 – Frankfurt, Batschkapp
- 16.03.2027 – München, Kesselhaus
- 19.03.2027 – Dresden, Reithalle Straße E (***Ich freu mich sehr – endlich darf ich sie live erleben!)
- 20.03.2027 – Berlin, Huxleys Neue Welt
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Meine Vinyl: Crystal Clear, Gatefold mit Inlay und Lyriks

