Female Voices
You Are Reading
Aniqo im Interview
0
Interviews

Aniqo im Interview

Mit einer neuen Klarheit im Blick veröffentlichte ANIQO zwei Singles und kündigte ein neues Album an. „The Turn“ und „I Know“ wirken wie Wegmarken, die unterschiedliche Bewegungen desselben inneren Prozesses zeigen. Beide Stücke tragen die Handschrift einer Künstlerin, die innere Wandlungen hörbar macht und sie in etwas Größeres verwandelt. Ich sprach mit ihr über diese beiden wunderbaren Songs sowie über ihr kommendes Album.

  • Hi Anita, in diesem Jahr soll dein neues Album erscheinen, und mit „The Turn“ und „I Know“ hast du bereits zwei eindrucksvolle Songs daraus veröffentlicht. Magst du mir schon etwas über das neue Album verraten?

Es ist ein sehr persönliches Album, das von meinen eigenen Erfahrungen mit der Liebe handelt –von Selbstliebe über romantische Liebe bis hin zu einer universellen, bedingungslosen Form beziehungsweise der Frage, ob und wo diese überhaupt existiert.

Das Album ist fast komplett chronologisch entlang meines eigenen Erlebens aufgebaut – wie eine Linie innerer Reflexionsprozesse. Es geht unter anderem um das Vertrauen in die eigene Stimme, um den Mut zur Veränderung, Heilung, Hingabe und die Suche nach einer neuen Form von Verbundenheit.

Es beschäftigt sich auch mit der Frage, was von uns übrigbleibt, wenn vertraute Beziehungen, Vorstellungen und das, was wir bislang für unsere Identität gehalten haben, ins Wanken geraten – also: Was bleibt, wenn das Ego leiser wird?

Musikalisch ist es für mich weiter als das vorherige Album, aber zugleich auch näher und organischer geworden. Es gibt viele intime Momente, aber auch große, filmische Passagen mit Gitarren, Klavier, Synthesizern, Streichern und Bläsern.

  • „The Turn“ klingt wie ein Schritt über die eigene Kante. Der Song erzählt vom Überwinden von Angst und vom Vertrauen in den Weg. Was war für dich persönlich der letzte große Turn, den du gewagt hast?

Es war weniger ein einzelner dramatischer Moment als die Entscheidung, nicht länger auf vollständige Sicherheit zu warten. Dieses Album hat mich über mehrere Jahre begleitet. Es gab viele Zweifel, finanzielle und persönliche Unsicherheiten und immer wieder die Frage, ob ich die Kraft habe, es wirklich bis zum Ende zu tragen.

Der große Turn bestand für mich wohl darin, mich trotzdem für diesen Weg zu entscheiden – die Demos aus der Hand zu geben, das Album in Großbritannien mit Bill aufzunehmen, dabei meinem eigenen künstlerischen Instinkt zu folgen und mein Leben und Arbeiten neu zwischen verschiedenen Orten auszurichten. Und momentan bedeutet es wohl, die fertige Musik wirklich loszulassen und zu veröffentlichen.

Die Songs sind für mich ein wenig wie Kinder, die das Haus verlassen und in die große, weite Welt hinausgehen. Natürlich möchte ich, dass sie gehört werden. Aber sich mit etwas so Persönlichem der Öffentlichkeit zu stellen und dabei ganz bei sich zu bleiben, ist herausfordernd – es gibt immer das Risiko abgelehnt, missverstanden oder verletzt zu werden. Ich glaube aber, Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben, sondern sich trotz der Angst auf den Weg zu machen.

  • Das ist wahr. Das Video dazu wirkt wie eine Metapher für Kontrollverlust und Freiheit. Was hat dich an diesem Setting auf dem Atlantik gereizt?

Auf einem Segelboot vertraut man sich dem Wind und den Wellen an, obwohl man weiß, dass darin immer auch ein Risiko liegt. Man kann einen Kurs setzen, aber niemals alle Bedingungen kontrollieren. Genau deshalb war es für mich das richtige Bild für „The Turn“ – für Aufbruch, Mut und die Entscheidung, das sichere Ufer zu verlassen, ohne den Ausgang zu kennen.

Auf dem Atlantik wird zugleich das Verhältnis zwischen Mensch und Natur sehr unmittelbar spürbar. Das Meer ist wunderschön, zeitgleich gewaltig und unberechenbar. Man erlebt die eigene Kleinheit und darin für mich auch eine besondere Form von Freiheit. Der Dreh selbst wurde für mich auch zu einer Erfahrung des Loslassens. Ich musste mich dem Meer, James hinter der Kamera und natürlich dem Skipper anvertrauen.

  • „I Know“ trägt die Botschaft: Ich verliere nichts, ich verwandle. Der Song fühlt sich an wie eine Rückkehr zum eigenen Kern. Welche Erkenntnis hat dich zuletzt überrascht oder vielleicht sogar gerettet?

Die Erkenntnis, dass ich mir selbst glauben darf. „I Know“ handelt für mich von der Rückkehr zu einer inneren Stimme, die wir oft überhören oder durch die Stimmen anderer überlagern lassen.

Der Song ist wie ein Zuspruch an mich selbst, im Sinne „Du weißt mehr, als du glaubst. Du darfst deiner Intuition vertrauen, dich selbst halten und deinen eigenen Weg gehen.“ Selbstliebe bedeutet für mich dabei nicht, sich ständig stark oder vollkommen zu fühlen, sondern gerade dann an sich zu glauben, wenn die Welt im innen oder außen ins Wanken gerät. Ich muss im Außen nicht unaufhörlich nach Antworten, Bestätigung oder Halt suchen. Wenn ich zu meinem eigenen Kern zurückfinde, entsteht daraus ein anderes Selbstbewusstsein – ein ruhiges Wissen darum, wer ich bin und was sich für mich wahr anfühlt.

  • Du hast das Album gemeinsam mit Bill Ryder‑Jones aufgenommen. Was hat diese Zusammenarbeit in dir geöffnet, und welche Spuren hat sie im Sound hinterlassen?

Ich war schon lange ein Fan von Bills Arbeit. Seine Musik hat mich in einer sehr emotionalen Lebensphase begleitet, noch bevor ich wusste, dass er auch als Produzent arbeitet. Sie verbindet für mich etwas sehr Nahbares und tief Menschliches mit einer filmischen Weite. Genau diese Spannung wollte ich auch für das Album – cineastisch – aber immer mit einem greifbaren emotionalen Kern.

Bill besitzt eine besondere Sensibilität für das Wesentliche eines Songs. Er lässt fragile, leise und auch unvollkommene Momente stehen, anstatt jede Lücke zu füllen oder Gefühle künstlich zu vergrößern. Dadurch konnte die Musik weit und atmosphärisch werden, ohne ihre Intimität zu verlieren.

Seine Handschrift höre ich besonders in der Wärme und Räumlichkeit des Albums, z.B. in feinfühlig arrangierten Streichern und den klanglichen Details.


Vielen lieben Dank. Ich kann es kaum erwarten, das gesamte Album zu hören.

ANIQO * With my eyes * With my voice *

Foto: James Harvey