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Bad Ida – Hope Less
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Bad Ida – Hope Less

Bad Ida ist eine Garage Soul Band aus Wien, die ihre eigene Mischung aus Modern-Soul, RnB, Pop-Rock und Blues zelebrieren. Dabei können sie sich in den legendären Motown Sound einreihen, denn Sängerin und Co-Songwriterin Ines Dallaji darf sich mit ihrer vulkanartigen Stimme eine goldene Krone aufsetzen. Zumal sie sich stimmlich in die Nähe von Valerie Simpson, Tammi Terrell, Chaka Khan sowie Gloria Jones platzieren kann.

Im März 2023 veröffentlichte Bad Ida ihr Debütalbum „Hope Less“. Darin verarbeitet Ines Dallaji schwierige zwischenmenschliche Erfahrungen und setzt sich kritisch mit toxischen Strukturen und Beziehungen auseinander. Mit tiefsinniger und englischer Lyrik befreit sich der soulige Schmetterling aus dem Kokon der Verzweiflung, welches einem geistigen Erwachen gleichkommt, das aufatmend und prägend zugleich ist.

Bad Ida erreicht Menschen mit ihrem Album zum richtigen Zeitpunkt, denn „Hope Less“ ist ein therapeutisches Werk, das kraftbringend ist, wie ein ausgiebiger Spaziergang in der liebsten Jahreszeit. Besonders weil in „Hope Less“ prachtvolle Aufnahmen arrangiert worden sind, worin jeder Song einen eigenen Charakter in sich trägt, der vertraut ist.

Im musikalischen Arrangement könnte man meinen, dass hinter Bad Ida Vollblutmusiker:innen stecken, die seit Jahrzehnten gemeinsam hingebungsvoll Musikschreiben. Doch begann die Schnur des Dynamits erst zu zündeln, als Taktarrangeur Marc Bruckner Ines Dallaji den wegweisenden Impuls gab, mehr für die Musik zu brennen.

Und so wurden Ines Dallaji, Marc Bruckner und Alexander Lausch drei Partner in Soulcrime, die sich seit dem ersten Corona-Lockdown vielversprechende Songskizzen zugespielt haben, aus denen das impulsive Resultat eines neugeprägten Garage Souls entstanden ist, welches wie ein Feuerwerk über uns lebt. Denn in der hochexplosiven Mischung stecken all die guten Substanzen drin, die das Sub-Genre „Garage Soul“ ausmachen: Die zurückgelehnte Lässigkeit des Motown Sound. Die straighten, nach vorne preschenden Basslinien des RnB. Hinzukommen die Energieschübe aus dem dreckigem Blues-Rock, die das Gesamtspiel eskalieren und feiern lassen.

Das faszinierende Debüt bezieht sich nicht nur auf große Gefühle, indem man sich selbst verliert oder nur darauf, um auf (irgend)etwas zu hoffen. Es zieht in Betracht auch etwas dafür zu tun, das im eigenen Vorrankommen von wert ist. „Hope Less“ möchte die eigene Kraft zum Leben erwecken und zum (Vorwärts-)gehen ermutigen. Das Album steht für Aufarbeitung und bewegt zum Loslassen. Denn es ist von Bedeutung sich aus dem Umfeld zu befreien, das Gift für die Seele ist.

In „Don’t Tell Anyone“ soll das Stillschweigen über die eigenen Gefühle bewahrt werden. Erzähl niemanden, wie du dich fühlst, denn niemand soll wissen, wie schlecht es dir geht. Halte mit künstlicher Fröhlichkeit und vermeintlicher Leichtigkeit das aufrecht, was du nicht bist! Die Lüge nährt sich durch Kummer, um die wahre Seite des Menschen nicht preiszugeben.

Die unerwiderte Liebe hält sich weiterhin in „I’ll Never Be With You“ fest. Die intensive Sehnsucht nach dem Menschen der Begierde bleibt unbeantwortet. Die starke Anziehungskraft verrennt sich unbewusst dorthin, wo keine Liebe sein wird.

„You Gotta Change“ obliegt einer starken Botschaft, dass eine beugende Veränderung nicht das Richtige ist, nur um zu gefallen und hineinzupassen. Der Song bekräftigt dazu, die Nähte der einengenden Corsage aufzuschneiden und sich selbst zu entfalten.

„Kind People“ zeigt auf, wie ein Gespräch in stetiger Gemeinheit zueinander wächst. Das Lied rät zur Vorsicht, nicht den falschen Charakter zu vertrauen und am besten diese Atmosphäre zu verlassen, denn die Frage nach dem Warum wird die Gewissenlosigkeit nicht beantworten.

Ein emotionaler Kampf wird in „I Hide“ ausgefochten, indem die Versagensängste das Voranschreiten lähmen. Hierbei liegt im Inneren der Wunsch, das eigene Wünschen nicht zu verwehren. Auch nicht die Sehnsüchte sowie die eigenen Gefühle zu unterdrücken, die nur den Weg nach Draußen finden, wenn der Mut es zulässt. Es ist wichtig, zu sich selbst zu stehen, aus sich herauszugehen und zum Leben zu finden.

Im stampfenden „Where Have You Been“, einem wahren Glanzstück des Albums, verarbeitet die Vergangenheit das stetige Warten auf die Person, die man zu lieben glaubte. Das drastische Stück beinhaltet eine hohe Dosis an Wut, die das Monument der Stärke aufbaut. Darüber erzählt Ines Dallaji auf ihren Kanälen: „Der Song ist eine Rückblende auf eine Zeit, in der meine Welt auf dem Kopf stand, weil ich in einer giftigen Beziehung gefangen war. Er ist traurig, wütend und intensiv, und er bedeutet mir sehr viel, weil es der allererste Song ist, den Marc Bruckner und ich je geschrieben haben. Meine Gedanken sind bei allen, deren Welt gerade auf dem Kopf steht, sei es durch eine gescheiterte Liebesgeschichte, soziale Benachteiligung, Krankheit oder Krieg.“

Das titelgebende „Hope Less“ steht in haltender Erwartung zwischen hoffnungsvoll und hoffnungslos sowie in Vernunft und Tatendrang, sodass diese zwei Eigenschaften die Tür des Ausbruchs aufstoßen mögen, auch wenn sie im Widerspruch harmonieren. Wiederum ist das antreibende Ziel des Anpackens und Vorwärtsgehens nah.

Den Abschluss eines bemerkenswerten Albums richtet sich eine letzte Bitte in „Please Let Me Cry“ verschärfend nach Zeit zum Weinen, um vom Boden aufstehen zu können, auch wenn es in dem Moment aussichtslos erscheint. Die überrollenden, schmerzvollen Ängste werden verarbeitet, die zuvor gekonnt ignoriert worden sind.

„Hope Less“ ist ein ungeschminktes Werk voller Emotionen, ruhend und stampfend zugleich. Das Album kettet den flüchtigen Musikgenuss an die Sinne und beruhigt die Sucht nach Zeitlosigkeit mit Originalität. Mit Ines Dallajis warmherzigen Stimme, die durch ihre wuchtigen Kraft eine Mauer zum Einstürzen bringt, hält das Werk eine Euphorie inne, die die Melancholie umarmt und zum Lächeln bringt.

Bad Ida fängt auf, wo zuvor die Verzweiflung losgelassen hat.


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