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Birte „Bajallae“ Sedat – Harfenistin von DTORN
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Birte „Bajallae“ Sedat – Harfenistin von DTORN

Wenn Harfenklänge Schatten streifen – Birte „Bajallae“ Sedat und die Liederkunst von DTORN

Es war an einem Oktoberabend im Jahre 2025, als Schloss Plötzkau seine Tore für die Dunkelheit öffnete. Die Mauern atmeten Geschichte, durch die Gewölbe drang Musik wie Nebel, der sich um die Gedanken legte. DTORN spielte. Während meine Augen durch den Raum schweiften, blieben sie an ihr haften: der Harfenistin.

Die Harfe – eine neo-keltische Klappenharfe – schimmerte im plastischen Kerzenlicht, jeder gezupfte Ton schien ein Faden zu sein, der mich mit einer anderen Welt verband. Birtes Stimme schwebte zwischen Licht und Dunkel, zwischen Zartheit und Zersplitterung dazu.

DTORN, die Band, ist ein Projekt aus Leipzig. Sie spielen düstere Liederkunst, die sich nicht in Genregrenzen fassen lässt – irgendwo zwischen Dark-Wave, „Neue Deutsche Todeskunst“, Neoklassik und experimenteller Schattenpoesie. Die Texte kreisen um das, was sich nicht greifen lässt: Verlust, Sehnsucht, das Vergehen der Zeit. Birte verleiht ihnen eine fragile Tiefe, welche tief berührt.

An jenem Abend auf Schloss Plötzkau wurde sie für mich zu einem Herzschlag. Mein Geist ruhte auf ihr. Ihre Präsenz war still, aber unübersehbar. Wie eine Erscheinung, die nicht ruft, sondern wartet, bis man sie sieht. Denn Birte „Bajallae“ Sedat stand wie ein stilles Zentrum inmitten der klanglichen Bewegung, doch still ist sie bei weitem nicht, wie sie mir später im Interview erzählt.

Wie das Leben nun einmal verläuft, gehen Nachrichten verloren und mit ihnen die Erinnerung aneinander. Doch dann, eines Nachts auf der ECOS TINIEBLAS-Party im TV Club Leipzig, erspähte ich sie wieder und nutzte den Moment, um sie anzusprechen…

***

  • Hallo Birte, die Harfe ist kein Instrument, das einem zufällig begegnet. Wie hast du deinen Weg zu ihr gefunden – und was hat dich gehalten?

Ich bin in Bayern aufgewachsen. „Stub’nmusi“ war dort ein immer wiederkehrendes Alltagselement. Meine Eltern hatten Platten mit Volksharfe, die gerne zu Weihnachten aufgelegt wurden. Ich habe den weichen Klang der Harfe von klein an geliebt, durfte aber keine Harfe lernen, weil „zu teuer“. Also wurde es die Gitarre, mit der mich eine Art Hassliebe verbindet. Ab 30 legen sich bei vielen Hebel im Leben um, so auch bei mir und ich fragte mich, was ich denn auf meiner „Bucketlist“ noch offen hätte. „Harfe lernen“ stand ganz weit oben! Also machte ich mich auf die Suche nach einer Lehrerin, vernetzte mich online, lieh mir das erste Instrument aus und startete durch. Das war 2012.

  • Du bist Harfenistin und Sängerin bei DTORN – wie kam es zu dieser Verbindung?

Torsten und ich sind seit 2013 ein Paar. Ich begleitete schon sein vorheriges Projekt „Adversus“ zeitweise organisatorisch. Seine Musik hat mich schon immer gepackt und als er das neue Projekt „DTORN“ startete, war klar, dass ich mit der Harfe einsteige. Gesang hat sich eigentlich eher ungeplant so nebenher ergeben.

  • Die Harfe gilt oft als „himmlisches“ Instrument. Bei DTORN klingt sie eher wie ein Echo aus der Tiefe. Was reizt dich an dieser Ambivalenz?

Kontraste sind mein Zuhause und ich liebe Ambivalenzen. Ein „himmlisches“ Instrument düster und entgegen allen Erwartungen zu spielen ist genau das Richtige für mich. Meine Vorbilder sind z.B. Ursula Burns, eine großartige Commedian an der Harfe, die mit ihrem „It does not rock!“ es mit 42 Saiten auf den Punkt gebracht hat. Deborah Henson-Conant hat gezeigt, wie Jimi Hendrix auf der Eharfe geht und das hat mich, die selber einige Jahre E-Gitarre gespielt hat, schwer beeindruckt. Die Eharfe ist eigentlich mein Ziel. Mein Zuhause ist der Metal; da wäre ich mit der Harfe irgendwann gerne.

  • Wie entstehen eure Stücke – ist es ein kollektiver Prozess oder eher ein Dialog zwischen Stimme, Harfe und Text?

Beides. Torsten ist der kreative Kopf und Komponist bei DTORN. Er schreibt (bis auf „Lebenstanz“, der eine Ausnahme ist) die Lyrik, den Backtrack und die Dramaturgie in den Songs. Die Musiker:innen, idR. sind das Carsten (Kontrabass), Bernd (Piano) und ich (Harfe und Gitarre), bekommen von Torsten Guidespuren. Die sind sehr grobe Ideen und lassen viel Spielraum. Der kreative Prozess dabei passiert bei Bandproben, in denen wir uns gemeinsam abstimmen und Rollen verteilen. Wirklich gefixed wird das Arrangement erst bei den Aufnahmen für’s Album. Wir sind keine feste Band im klassischen Sinne, sondern eher ein offenes Projekt. Es können auch weitere Musiker:innen dazu kommen oder wir treten im kleineren Arrangement auf.

  • Eure Musik ist düster, aber nie kalt. Was bedeutet „Dunkelheit“ für dich – musikalisch, emotional, künstlerisch?

Wir klassifizieren Farben wie auch Töne mit dunkel oder hell. Mit Pastelltönen konnte ich noch nie etwas anfangen, sie berühren mich nicht. Ich mag die leuchtenden, kräftigen Mitten und das warme, tiefe Dunkel. Helles spielt für mich nur als Glitzer eine Rolle. Absolutes Dunkel löst aber nicht nur positive Emotionen aus. Es kann für mich auch totale Orientierungslosigkeit, Einsamkeit und Angst bedeutet. Im Dunkeln lässt es sich gut verstecken, generiert aber auch größte Verletzlichkeit. Und hier sind wir wieder bei den Kontrasten, meinem Zuhause.

  • Gibt es Bilder, Orte oder Stimmungen, die dich beim Komponieren oder Spielen begleiten?

Nein. Tatsächlich ist Musik entwickeln, schreiben und sich mit anderen gemeinsam einstimmen m.E. harte Disziplin und Übung. Das hat wenig Romantisches. Ein Instrument spielen, insbesondere die Harfe, ist Sport: Ohne regelmäßiges Training trittst du auf der Stelle. Erst wenn sich etwas so eingebrannt hat, dass es unbewusst funktioniert, kann es beginnen von selbst zu laufen. Dann inspiriert mich das Miteinander, wenn andere Musiker:innen mit einsteigen, wenn ein Flow entsteht und wir zusammen schwingen. Aber davor liegt ein langer, harter und sehr steiniger Weg mit vielen einsamen Übe-Stunden und inneren Kriegen. 🙂

  • An dem Abend auf Schloss Plötzkau warst du wie ein stilles Zentrum. Wie nimmst du selbst solche Auftritte wahr?

Spannend, ich empfinde mich selbst gar nicht so. Ich bin bei Auftritten meist extrem konzentriert. Neben meinen beiden Mitmusikern habe ich die meiste Technik zu stemmen: Harfe und Gitarre verkabeln, Mikro anschließen, mich selber verkabeln. Dann Soundcheck mit allen Instrumenten, Mikro und Monitor. Und da Technik nicht so mein Ding ist, stehe ich immer unter Stress, weil’s auf der Bühne schnell und reibungslos gehen muss und ich dort zudem ein verflucht teures und empfindliches Istrument, das 20 kg wiegt, herumwuchte. Wenn wir dann spielen, bin ich einfach happy, dass alles läuft. Dann bin ich ganz im Moment: Bei mir, bei der Harfe, bei den Menschen, also Fokus hoch 10. Vielleicht ist das die Stille.

  • Gibt es Musik, die dich selbst tröstet oder herausfordert?

Na klar, ständig! Welche Musik das genau ist, hängt sehr von Situation und Stimmung ab. Manchmal ist Wut sehr tröstlich. Dann finde ich mein Zuhause im Death & Prog Metal, bei den schrägen Arrangements von Meshuggah oder den breiten Drumlandschaften Gojiras. Manchmal brauche ich Harmonie und umarme mich selbst mit moderner Klassik von Paul Halley oder geistlicher Musik von Claus Bantzer. Wenn ich ein bisschen Egalness in meinem Leben brauche, baut vieles aus dem Genre „Dark Country“ mich stark auf, z.B. komplexer, aber gut verdaulicher Shit von Brown Bird oder den Bridge City Sinners (großartige Musikerin by the way!).

Herausfordernd: Die Musik von Björk begleitet mich gefühlt schon mein ganzes Leben. Ich bin ein echtes Fangirl, bewundere diese Musikerin sehr und lerne bei ihrer Kunst immer wieder neu, wie sich Hörerwartungshaltungen erfolgreich brechen lassen. Kontraste und so… 🙂

  • Du gibst auch Harfenunterricht. Was bedeutet es für dich, dieses Instrument weiterzugeben – und was suchst du in einem Moment, in dem Klang zum ersten Mal entsteht?

Das sind zwei Fragen, ich beginne mit der ersten: Zurzeit unterrichte ich aus Zeitgründen nicht, werde das aber sicher im Laufe der kommenden Jahre irgendwann wieder aufgreifen. Die Harfe begeistert mich immer wieder. Es ist ein komplexes, sehr schwieriges und gleichzeitig extrem vielseitiges Instrument. Und es begeistert mich, diese Begeisterung bei anderen zu wecken. Und vor allem auch zu vermitteln, das Gelernte vielleicht nicht konventionell anzuwenden, sondern eigene, experimentelle Wege zu gehen. Das macht sehr, sehr viel Spaß!

Zur zweiten Frage, ich hoffe ich deute sie richtig: Eine Harfe klingt eigentlich fast immer schön. Man muss sie gar nicht spielen können, aber schon ein paar Akkorde gezupft von Laienspieler:innen, klingen gut. Das heißt: Die Klänge sind meist schon da, wie auch z.B. bei Milliarden „totgeklampfter“ Gitarren. Ich versuche die Entdeckung zu vermitteln, was zwischen Klang, Vibration im Korpus und der Stille im Raum danach passiert. Und welche Rolle Technik und Intension dabei spielen. Meine eigene Harfenlehrerin, Eva Curth aus Berlin, beherrscht diese Dynamik meisterhaft. Ich kenne keine:n Harfenist:in (zumindest nicht in der näheren Bubble), der:die Stücke noch gekonnter und feiner interpretiert, wie sie. Sie „spricht“ wirklich mit der Harfe.

Vielen lieben Dank für das tolle Interview <3


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