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Kirlian Camera – Doppelshow – zwei Tage im Club From Hell Erfurt
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Live-Report

Kirlian Camera – Doppelshow – zwei Tage im Club From Hell Erfurt

Seit mehr als vier Jahrzehnten veröffentlichen Kirlian Camera kontinuierlich clubtaugliche Werke. Die Italiener erschaffen darin eine Atmosphäre, die nur echte musische Magie hervorbringen kann. Elena Alice Fossi besitzt zudem die kokettierende Gabe, mit ihrer bloßen Präsenz zu magnetisieren und mit ihrer Stimme sowohl Venues zum Tanzen als auch Augen zum Leuchten zu bringen. Gleichzeitig brechen die Gitarren wie Gewitter über die Bühne herein und entladen sich in den präzisen Bergamini‑Electro‑Arrangements. Sie wettern, sie zetern, sie verstärken und jagen einander, bis Funken schlagen.

Während Elena Alice Fossi die Ketten der Vernunft sprengt, befreit Angelo Bergamini mit jedem Frequenzstoß die Lungen des Publikums vom politischen Dreck der Realität. Sie sind Meister ihres Fachs, die aus ihren eigenen Stücken immer wieder etwas Neues formen. Der Text bleibt derselbe, doch der Sound verwandelt sich – ein alchemistischer Prozess, der aus Bekanntem Ungehörtes schafft.

In ihren stetig neuen Kreationen, gespeist aus alten wie neuen Meistern, stehen sie den großen Innovationen der Szene in nichts nach. Ihre Inspirationskraft brennt ungebrochen für eine Musik, die Grenzen von Genre, Stil und Konventionen ignoriert. Kirlian Camera errichten wandelbare Klangarchitekturen, die so einzigartig sind, dass sie erst zu Monumenten werden – und irgendwann zu Ruinen. Doch aus diesen Ruinen bauen sie unermüdlich neue Konstrukte, die ihren Katalog erweitern und ihren Mythos weitertragen, wie sie am 17./18.04.2026 im Club From Hell eindrucksvoll bewiesen haben.

Abend 1: 2030: DARK DISCO PROTOCOL

Für den Freitag hatten sie ihre ursprünglich geplanten elektroakustischen Sets gegen etwas völlig Neues und insgesamt noch mitreißenderes ausgetauscht – sie sind ja bekannt dafür, gerne umzudisponieren.

An diesem Abend in Erfurt präsentierten sie erstmals ihre ultra-elektronische Show „2030: DARK DISCO PROTOCOL“. Auf ihren Kanälen erklärten sie: „Wir sind total begeistert von dieser neuen Richtung. Deshalb lassen wir euch nicht länger warten und bringen sie sofort auf die Bühne!“

Gleichzeitig stellten sie klar: Wenn sie „Disco“ sagen, meinen sie nicht Italo Disco – vielmehr solle man sich eine hochtechnologische, futuristische Clubatmosphäre vorstellen. Ein Set, vollgepackt mit unveröffentlichten, kraftvollen Dance‑Industrial‑Versionen ihrer Tracks.

Damit katapultierten Kirlian Camera das Publikum mit ihren Songs direkt ins Jahr 2030. Selbst ein Noch‑Nicht‑Fan hatte keine Chance sich dem futuristischen, brachialen Strudel zu entreißen. Man musste jedoch genau hinhören und mitdenken, welchen Song sie gerade frenetisch auf der Bühne feierten und welchen sie komplett umfunktioniert haben. Von „Stella Ominis“, „Nightglory“, „K‑Pax“, „Götter, geht weg“, „Sky Collapse“ bis zu den Klassikern „Blue Room“ und „Eclipse“ – und dazu ein neuer Song namens „Rise Up!“, mit dem sie das Set eröffneten und als letzte, wirklich allerletzte Zugabe spielten und den Abend beendeten.

„Das war ein harter Beat – die Zeiten werden rauer!“, erzählt mir ein Fan, der aus der Umgebung von Hannover angereist ist. Und dies zeigte, dass Kirlian Camera ihre Fans nicht von politischen Umständen verschlingen lässt, sondern sie aus dem Sumpf herauszieht, damit sie genießen, tanzen und für einen Moment abschalten können.

„Ich liebe Kirlian Camera – mit ihnen wird es einfach nie langweilig“, sagte mir eine Frau auf der Damentoilette, ihre Augen vor Begeisterung strahlend.

Und ich strahlte selbst, als ich mein fast zwanzig Jahre altes Fotoportrait von Elena Alice Fossi signiert zurückerhielt – dank Angelo Bergamini, der nach der Show noch einmal an seine Keys und den Board-Computer trat. Versprechen konnte er mir nichts, aber er würde es versuchen, sagte er.

Abend 2: Best of Set zuzüglich neuer Songs

Joar – der zweite Abend mit Kirlian Camera im Club From Hell bestätigte einmal mehr, was langjährige Begleiter dieser Band längst wissen: Wer KC kennt, kennt KC – und ihre Sets, die immer bis ins Mark durchdacht sind. Von balladesken Momenten bis zu jenen zeternden Ausbrüchen, in denen die Gitarren und Elektronik sich gegenseitig anstacheln. Und mittendrin Elena Alice Fossi, die ihr Publikum in einen Bann zieht, weil sie jede Note körperlich fühlt und sichtbar durch sie hindurch pulsiert.

Besondere Momente des Abends waren zum einem die minimalistische Version ihres neuen Stücks „Rise Up!“. Stark reduziert, aber mit einer Stimme, die wie ein aufbrechender Riss zum Aufstand ruft. Und einem süßem Abschluss, das „Schlaf, Kindlein, schlaf“ auf Italienisch, um das stark überhitzte Publikum ins Bettchen zu schicken.

Zwischen eigenen Klassikern und neuen Facetten zeigte die Band erneut ihre Lust am Neuinterpretieren. Die Auswahl der Coversongs reichte von Placebos „Too Many Friends“ über Depeche Modes „Wrong“ bis hin zu Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ und Ultravox’ „Hymn“. Allesamt in diese typische KC‑Dunkelglut getaucht, die Bekanntes fremd und Fremdes vertraut wirken lässt.

Natürlich fehlten auch die großen clubtauglichen Stücke nicht wie „Heldenplatz“, „Nightglory“ und weitere Hits, die das Publikum sofort erkannten und feiern ließen. Es war ein Set, das sich wie ein lebendiger Organismus bewegte. immer mit dieser unverwechselbaren Handschrift, die Kirlian Camera seit Jahrzehnten auszeichnet.

Der zweite Abend in Erfurt zeigte erneut, dass diese Band für Intensität und Hingabe lebt. Doch natürlich springt dieser Funke nicht bei allen gleich über. „Es war so la la“, sagte ein Freund zu mir und meinte es gewiss nicht böse. Seit der neuen Sängerin jedoch, so erklärte er, habe sich für ihn der altbekannte KC‑Flair verflüchtigt. Er gab der Band noch eine Chance, fuhr die 150 Kilometer, aber das Gefühl kam nicht zurück. Vielleicht ist das das Wesen dieser Band: Sie brennen, und wer sich darauf einlässt, trägt ein Stück dieser Glut mit nach Hause.

Als uns die Hitze zu viel wurde, zogen wir uns nach hinten zurück. An die Wand gelehnt, schloss ich die Augen und wollte einfach nur genießen – was mir schwerfiel. Von dort aus sah ich etwas, das mich bei Konzerten immer wieder irritiert: Menschen, die sich lautstark unterhalten, als wären sie auf einem Kaffeekränzchen und nicht in einem Venue, in dem andere versuchen, abzuschalten, dem Alltag zu entkommen und die Songs einer Band zu fühlen, die auf der Bühne alles gibt.

Ebenso schwer erträglich sind jene Mittvierziger, die sich aufführen, als wären sie zwölf, nur um mit dem Sänger der Vorband zu flirten. An sich nichts Verwerfliches – wären sie dabei nicht so laut gewesen und hätten andere nicht beim Musikgenuss gestört. Doch wurden sie zunehmend lauter.

Außerdem nehmen sich Menschen viel zu wichtig, sobald sie eine Aufgabe haben und ein wenig Macht bekommen. Mitunter legte sich ein Mann aus der Crew verbal mit einer Frau an, die hinten tanzte und das Konzert genoss, als gäbe es keinen Morgen. In seinen Augen hatte sie eine imaginäre Grenze zum Mischpult überschritten, weil dort das Konzert per Kamera mitgeschnitten wurde. Aus unserer Perspektive tat sie nichts dergleichen. Trotzdem begann er immer wieder, sich wichtig zu machen, sie vollzureden und die Stimmung zu kippen.

All das sind Momente, die die Band selbst nicht mitbekommt – was vielleicht auch besser so ist. Denn auf der Bühne liefern sie weiterhin mit einer Ernsthaftigkeit ab, die Respekt verdient. Umso schmerzhafter ist es, wenn das Drumherum diese Intensität untergräbt und den Zauber verebben lässt.

Was meine Begleitung gut fand, war, dass die coole Bar Crew auf Wunsch exklusive Getränke mischte, die nicht auf der Karte standen (Sekt mit Mate), und sie durfte sogar von einer wildfremden Person kosten. Kleine Gesten, die den Abend für manche versüßen.

Und so endete der zweite Abend: Auf der Bühne glühte alles, im Club From Hell flackerte manches. Und doch bleibt dieser Club weiterhin jede noch so weite Anreise wert.


Wertvoller Link:

Und hier sind noch die sehr gut eingefangenen Fotos von Frank Jacobi:

  1. Abend: https://www.metalistlaut.de/club-from-hell-erfurt-2026/kirlian-camera/
  2. Abend: https://www.metalistlaut.de/club-from-hell-erfurt-2026/kirlian-camera-1/