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- Als ich euch das letzte Mal im Horns Erben gesehen habe, sah ich den Cut klar und deutlich, sichtlich schockiert. Ihr wisst es bestimmt noch. Wie habt ihr eigentlich diesen inneren Wandel erlebt? Gab es einen Moment, in dem klar war: Jetzt beginnt etwas Neues? Ja, ich möchte gerne den kompletten Verlauf, die Geschichte hinter „Future Selves“ wissen.
Beide: Ja, du warst damals völlig überrascht!
Tine: In unseren beiden Vorgängeralben haben wir viel zurückgeblickt und verarbeitet. Es ging um Trost, Trauer und natürlich auch um positive Momente – um diese Dualität. Nach diesem Rückblick konnten wir vieles ruhen lassen, und daraus entstand wieder Lebensfreude.
Nach einem Album fragt man sich oft: Was können wir jetzt noch sagen? Und dann taucht doch wieder etwas Inneres auf, das sich ausdrücken und komponiert werden will. Dieses Mal war es etwas sehr Positives.
Darin liegt eine große Lust am Gestalten: zu spüren, dass man selbst Einfluss nehmen kann.
Moritz: „Solace + Light“ war für uns sehr heilsam, weil wir darin vieles verarbeitet haben, was passiert ist. Wir haben Abschiede verarbeitet; damit war ein Kapitel geschlossen, die Wunden konnten heilen, und wir waren bereit für die Zukunft.
Es ist ein bisschen so, als würde man morgens aufwachen, die Augen öffnen und aus dem Fenster blicken – und spüren: Da kommt die Zukunft. Man kann aktiv werden. Selbst wenn man noch nicht genau weiß, wohin es gehen soll, kann man anfangen, etwas zu formen. Genau das haben wir gespürt.
Wir hatten Lust auf Spaß, auf Musik, die Freude macht. Ohne ein konkretes Konzept zu haben, haben wir gejammt, mit Beats und Sounds experimentiert und uns auf diese Freude eingelassen. Daraus ist „Future Selves“ Stück für Stück entstanden.
- Für mich war es ein harter Cut von chiffonweichem-geschmeidigen Dream‑Pop zum futuristischen-sternkantigen Indietronica. Doch wie fühlt es sich für euch an, ein neues Klanguniversum zu betreten?
Tine: Sehr aufregend! Gleichzeitig hatten wir sofort Bilder im Kopf: wie das visuell aussehen könnte, wie diese Indie-Lebensfreude leuchtet und wie man sie auch ästhetisch übersetzen kann.
Moritz: Bei uns hat Sound immer eine Bedeutung. Ein Beispiel sind die Referenzen an die 80er: Für dieses Album haben wir uns nach einer Zukunft gesehnt, wie wir sie von früher kannten.
Als Kinder haben wir anders auf die Zukunft geblickt als heute – mit Vorfreude, Offenheit und Neugier. In unserer Erinnerung war diese Zukunft positiv besetzt – größer, heller, vielleicht auch freier. Heute empfinden viele Menschen eher Beklemmung, wenn sie an die Zukunft denken. Die Nachrichten tragen dazu bei, dass sie schnell bedrohlich wirkt.
Aber das muss nicht so bleiben. Wenn man den Blick bewusst verschiebt, gibt es genug Dinge, die besser sind als früher – und viele Möglichkeiten, die Zukunft positiv mitzugestalten. Man muss nur aktiv danach suchen.
Wie sich dieser Gedanke im Sound zeigt und dieses Gefühl – wir wollen die Zukunft von früher zurück – drückt sich auch im Sound aus. Gemeinsam mit unserem Freund und Produzenten Michael Vajna haben wir diese Klangwelt erarbeitet. Mit jedem Song, der entstand, und mit jedem Sound, der zu uns kam, haben wir stärker gespürt, wie sich alles zusammenfügt.
- War es eine Fügung? Es wollte tatsächlich zu euch!?
Moritz: Es ist immer eine Fügung – teils von außen, teils dadurch, dass man die Dinge selbst zusammenfügt.
- Welche Erkenntnis steckt für euch im Begriff „Future Selves“ und wie seid ihr auf den Albumtitel gestoßen. Das interessiert mich sehr.
Tine: Der Gedanke hinter „Future Selves“ war, dass wir das zukünftige Selbst spannend finden – vor allem den Aspekt, dass wir es selbst mitformen können. „We are the future selves“ – für mich bedeutet das: Wir tragen unser zukünftiges Selbst bereits in uns. Diese Entwicklung haben wir nie bewusst im Voraus geplant; sie ist eher organisch gewachsen. Von „Human Touch“, das sehr nach innen gerichtet war und zurückblickte – darauf, wie wir die Welt berühren und wie die Welt uns berührt –, führte der Weg über „Solace + Light“ zu einer größeren, fast kosmischen Einordnung: Was trägt uns? Was geben wir weiter? Was hinterlassen wir anderen? Und woher kommen wir? Mit „Future Selves“ entsteht daraus ganz natürlich die nächste Frage: Wo wollen wir hin? Wohin kann ich mich entwickeln – und wohin will ich mich entwickeln? Diese Möglichkeit steckt in meiner Vergangenheit und auch schon in mir selbst.
- Was war euer Sternschnuppenmoment als ihr das Album geschrieben habt? Meiner war… das Video zu „Supersize World“, gedreht in New York. Ich bin noch der „Human Touch“ – Dream-Pop-Fan sowie bei Solace + Light“ wurde ich irre bei dem Song „Light“, einem super Song, der in die Hitlisten hätte gehen müssen.
Tine: Das freut uns total, gerade weil „Light“ für uns auch ein besonderer Song ist. Dass er in mehreren Ländern in den iTunes-Charts war und jetzt auch für den Soundtrack des kanadischen Films La mécanique des frontières ausgewählt wurde, war für uns tatsächlich so ein Sternschnuppenmoment.
Auf dem Weg zum Album „Future Selves“ gab es auch magische Momente – vor allem das Fotoshooting zum Album. Das haben wir mit Sandra Ludewig aus Leipzig umgesetzt und dabei im Studio ein eigenes Universum erschaffen. Das war der erste wirklich plastische Spark: Zuerst ist da die Musik, und plötzlich öffnet sich eine weitere Ebene, auf der man diese Welt sichtbar machen kann. Diese Entwicklung zu erleben, war unglaublich schön.
Wir lieben es außerdem, Musikvideos zu drehen. Wenn zu einem Song eine zusätzliche visuelle Ebene hinzukommt, wird er noch einmal anders erfahrbar. Das Video zu „No Is a Full Sentence“ haben wir in Kuala Lumpur Malaysia gedreht – an einem Ort, an dem Moderne und Tradition aufeinandertreffen. Einer der stärksten Momente war, auf einer großen Kreuzung zu performen: bei 32 Grad, mitten zwischen Autos, Lichtern und riesigen Billboards. Nachts, wenn dort alles leuchtet, war das total surreal – und definitiv ein Sternschnuppenmoment.
Bei „Mirrors of the Sky“ standen wir auf Podesten in einem See in Brandenburg. Dort gibt es beeindruckende Szenerien, zum Beispiel die Skulptur „Rostiger Nagel“, die 30 Meter hoch ist. Auf diesem monumentalen Objekt zu stehen, mit der Drohne zu drehen und in diese unendliche Weite aus Wasser, Himmel und Wäldern zu schauen, war ebenfalls ein besonderer Moment.
Moritz: Total. Generell sind die Videos für uns absolute Highlights, weil sie einen Song auf einer anderen Ebene greifbar machen. Unsere Drehs sind immer wieder irre. Wir drehen inzwischen meistens draußen, weil wir raus in die Welt wollen. Für uns sind das Entdeckungsreisen – mit ganz kleinen Teams: oft nur wir zwei und noch ein bis zwei Personen hinter der Kamera.
Im März waren wir in New York. Zuerst war es kaltes Atlantikwetter; man fühlte sich fast wie auf einem Hochseedampfer mitten in der Stadt. Dann kündigte der Wetterbericht plötzlich zwei Tage mit 27 Grad an. Wir dachten: Jetzt wird es schön, jetzt müssen wir ein Video drehen. Also suchten wir kurzfristig online und fanden einen jungen New Yorker, der sehr coole Videos macht. Am nächsten Morgen trafen wir uns noch vor Sonnenaufgang um halb sechs an der Brooklyn Bridge. Vom Times Square über das Rockefeller Center bewegten wir uns wie auf einer urbanen Rallye durch die Stadt. Wir haben einfach erkundet – und genau so ist auch das Video geworden. Eine Rolltreppe kam völlig ungeplant dazu: Die Bahn brachte in Wellen Menschen hinein, sodass die Treppe mal voll und kurz darauf wieder leer war. Diesen Moment haben wir genutzt, um Takes zu drehen und immer wieder hoch- und runterzufahren.
- Ich liebe eure Reisen, und dass ihr dann eure Momente für die Videos festhaltet. Wie war es, New York als Spiegel zu nutzen?
Tine: Es war eigentlich nicht geplant, in New York ein Video zu drehen. Man ist an einem Ort, spürt die Atmosphäre und denkt plötzlich: Das passt doch perfekt. Bei „Supersize World“ war genau das der Fall – der Song gehört einfach nach New York. Dann kam zusätzlich die Einladung zum Showcase Festival, das ungefähr mit dem deutschen Reeperbahn Festival vergleichbar ist. Das Timing hätte nicht besser sein können.
Moritz: Ähnlich war es in Malaysia. Zwei Tage vor der Abreise haben wir dort noch ein Video gedreht, weil der Ort einfach perfekt zu „No Is a Full Sentence“ passte. Diese Überforderung aus tausend Lichtern, Millionen von Menschen und der Energie der Stadt hat den Song auf eine ganz eigene Weise gespiegelt. Ganz kurzfristig fanden wir vor Ort jemanden, der mit uns die ganze Nacht durch die Straßen gezogen ist.
Tine: Es kommt außerdem noch ein weiteres Video zum Album – mehr verraten wir aber noch nicht. Nur so viel: Es wird cool. Dafür sind wir nirgends hingeflogen; das Video ist in der Nähe von Dresden entstanden. Trotzdem sieht es aus, als wären wir auf einem anderen Planeten.
- In New York hattet ihr auch eine Einladung zum New Colossus Festival erhalten. Wie war es?
Moritz: Das war wirklich ein Sternschnuppenmoment. Als die Einladung kam, konnten wir es zunächst kaum glauben. Beim New Colossus Festival haben wir dann ein komplettes „Future Selves“-Programm gespielt – inmitten von rund 170 Bands aus aller Welt.
Tine: Das Festival findet in verschiedenen Musikclubs statt, viele davon wunderschöne Indie-Clubs in der Lower East Side in Manhattan. Dieses Viertel ist ein bisschen wie die Dresdner Neustadt von New York: alternativ, lebendig, mit Secondhandläden, Straßenflohmärkten, Cafés und Restaurants. Manche Clubs liegen ganz versteckt hinter kleinen Türen; man geht eine Treppe hinunter und steht plötzlich in einem völlig anderen Universum.
Moritz: Wir haben an zwei verschiedenen Tagen in zwei unterschiedlichen Clubs gespielt. Die Stimmung war großartig: Das Publikum hat vom ersten Akkord an getanzt und mitgesungen. Auch die Organisation war beeindruckend – vor allem, wie engagiert einzelne Menschen dieses Festival tragen. Insgesamt war der Spirit unter allen Beteiligten einfach genial.
- „How do we grow our human shells?“ (Wie lassen wir unsere menschlichen Hüllen wachsen?) eine Zeile aus dem titelgebenden Stück „Future Selves“ – was bedeutet diese textinterne Frage für euch persönlich?
Tine: Wachstum fällt ja selten leicht. Für mich geht es darum, eigene Grenzen ein Stück weit zu überwinden: Glaubenssätze, die einen zurückhalten, alte Muster oder innere Begrenzungen. „How do we grow our human shells?“ fragt: Wie wachsen wir über das hinaus, was uns bisher geformt hat? Wenn man später zurückblickt, erkennt man oft erst, woran man tatsächlich gewachsen ist.
Moritz: Veränderung ist ebenfalls häufig nicht so einfach. Sie kommt in unterschiedlichen Momenten – und oft auch mit Schmerz. In dieser Zeile steckt für mich die Frage, wie man sich entscheidet, welche zukünftige Form man annehmen möchte. Es geht also nicht nur darum, dass Veränderung passiert, sondern auch darum, sie bewusst mitzugestalten.
Tine: Genau – es geht um „Growing Pains“, um Wachstumsschmerzen. Gleichzeitig steckt darin auch Empowerment: Man wächst, wenn man muss, aber in „Future Selves“ geht es vor allem um das Wie. Wie möchte ich wachsen? In welche Richtung? Und was davon kann ich selbst entscheiden? Diese Verantwortung, aber auch diese Freiheit, hat man ein Stück weit selbst in der Hand.
- Als ich euren letzten Newsletter gelesen habe und mir daraufhin das Album bestellt habe – danke noch mal für den tollen Beutel und die kleinen Goodies – beschreibt ihr eine Phase des Zögerns und Übergangs. Wie hat sich dieser Zwischenraum für euch angefühlt?
Tine: Das war der Übergang von „Solace + Light“ zu „Future Selves“: ein Zwischenraum, in dem man noch nicht am neuen Ort angekommen ist, aber auch nicht mehr am alten steht. In dieser Phase arbeitet vieles in einem weiter. Man nimmt Eindrücke auf, denkt und fühlt viel – und probiert gleichzeitig aus, wohin die nächste Bewegung führen könnte.
- Setzt ihr euch manchmal selbst unter Druck in dieser schnelllebigen Zeit? Man muss auch stetig in der Musikbranche liefern. Ich schaffe es nicht, jeden Tag einen Artikel zu posten.
Moritz: Natürlich spürt man diese Erwartung, ständig präsent zu sein: Überall wird gepostet, veröffentlicht, geteilt. Man sollte immer wieder in sich gehen und sich fragen: Habe ich wirklich etwas zu sagen?
Das passt auch zu „Future Selves“: Lasse ich mir von außen vorgeben, wie ich wachsen soll – oder entscheide ich selbst, in welchem Tempo und in welche Richtung ich mich entwickle? Gerade für ein Album braucht man diese Zwischenzeit: einen Moment, in dem ein Kapitel abgeschlossen ist, die Vergangenheit hinter einem liegt und sich die Zukunft zwar schon am Horizont abzeichnet, aber noch nicht ganz da ist.
Diesen Schwebezustand braucht man. Im Song „Blue“ steckt genau dieses Gefühl: der Sommer als Zwischenwelt, in der man sein kann, aber nichts muss. Ein Raum, in dem man einfach im Moment bleiben darf.
Tine: In Bezug auf Social Media kenne ich dieses Gefühl. Wir versuchen aber, uns davon nicht zu sehr bestimmen zu lassen. Für uns muss ein Beitrag auch wirklich etwas erzählen.
Beim Produzieren und Schreiben ist das anders: Da geht es weniger um äußere Erwartungen, sondern eher darum, aus vielen Ideen die für uns passenden auszuwählen.
- Wie lange habt ihr an dem Album gesessen?
Moritz: Die ersten Songs sind Anfang 2024 entstanden.
Tine: Es ist ein Prozess, in dem manche Songs relativ spontan entstehen – während andere schon länger existieren. „Mirrors of the Sky“ zum Beispiel gab es bereits seit mehreren Jahren. Auf „Solace + Light“ hätte der Song noch nicht gepasst. Er brauchte erst das richtige Kleid und das richtige Album, um wirklich leuchten zu können. Manchmal muss man Geduld mit Songs haben: Einige Songs melden sich wieder und zeigen, dass genau jetzt ihre Zeit gekommen ist. Und wenn etwas fehlt, entsteht eben etwas Neues.
- „Mirrors of the Sky“ – wenn ihr an diesen Song denkt: Welche Rolle spielt die Natur für euch – und habt ihr beim Schreiben eine konkrete Szene, einen Ort oder ein Gefühl wieder betreten, das euch lange begleitet hat?
Moritz: Das hat auch mit dem Thema von „Future Selves“ zu tun: Wir wollten uns einen kindlichen Blick auf die Zukunft zurückholen. Dieses Gefühl, dass Zeit endlos ist – ohne ständig darüber nachzudenken, wie viel davon einem bleibt oder wie effizient man sie nutzen muss. Bei „Mirrors of the Sky“ geht es deshalb weniger um konkrete Orte als um Eindrücke: um das Draußensein, das Werden, das einfache Sein. Als Kind war ich ständig draußen.
Tine: Moritz hatte eine Kindheit in den Wäldern. Ich habe mir beim Schreiben vorgestellt, wie er als Kind durch diese Wälder streift: Frösche beobachtet, Steine sammelt, einfach draußen ist. Wir waren als Kinder viel selbstverständlicher draußen unterwegs als heute. Das war normal – und gleichzeitig etwas sehr Schönes.
- In „Apology“ liegt unter dem Dreampop-Schimmer ein sehr stiller Schmerz, der eher aus unausgesprochenen Momenten als aus großen Konflikten entsteht. Wenn ihr auf diesen Song blickt: Welche unausgesprochenen Wahrheiten oder leisen Verletzungen haben euch beim Schreiben begleitet – und gab es eine Zeile, die für euch wie ein spätes Eingeständnis wirkte?
Tine: Um die Zukunft angehen zu können, ist es wichtig, auch die Vergangenheit ruhen zu lassen. In „Apology“ geht es um unausgesprochene Dinge, um Abschlüsse, die keine wirklichen Abschlüsse sind, und um offene Enden, die weiter nachwirken. Manchmal hätte es einfach nur eine Entschuldigung gebraucht, um wirklich abschließen und neu beginnen zu können.
„An apology / Was all I needed to feel seen“ – darin steckt für mich der Wunsch, dass Schmerz anerkannt wird: der eigene, aber auch der des anderen. Eine Entschuldigung bedeutet, hinzusehen, Verantwortung zu übernehmen und etwas beilegen zu können. Das ist nicht leicht, weil es Größe braucht. Aber gerade in Beziehungen kann es unglaublich heilsam sein.
Moritz: Bei einer Entschuldigung geht es nicht unbedingt darum, Schuld festzuschreiben. Es geht eher darum zu sagen: Ich sehe dich, und ich erkenne an, was du fühlst.
Meine Schwiegermama: Eine Entschuldigung muss aber auch wirklich gewollt sein und von Herzen kommen. Ein beiläufiges „Ich entschuldige mich“ reicht nicht, wenn keine echte Einsicht dahintersteht.
Tine: Genau. Wenn diese Einsicht fehlt, ist es keine wirkliche Entschuldigung.
- Gibt es eine Zeile, die euch selbst überrascht hat, als ihr sie gedankenverloren geschrieben und später erneut gelesen habt? Bei mir war es „Now I’m sick of it – so sick of it!“ (aus „No Is A Full Sentence“)
Tine: Bei diesem Song war es tatsächlich so, dass wir ihn zunächst einfach gejammt haben und dabei „No is a full sentence“ sangen. Erst danach wurde mir klar, wie viel in diesem Satz steckt. Auf den ersten Blick ist es ein witziges Wortspiel – grammatikalisch vielleicht nicht ganz sauber, aber inhaltlich sehr präzise. Es geht darum, Grenzen zu setzen, sich nicht ständig erklären zu müssen und ernst genommen zu werden.
Moritz: Für mich geht es dabei nicht nur darum, nach außen hin Nein zu sagen. Es geht auch darum, für mich selbst zu erkennen: Wenn ich mich in Richtung meines zukünftigen Ichs bewege, was lasse ich dann zurück? Was brauche ich nicht mehr? Wachstum bedeutet nicht nur, etwas hinzuzufügen, sondern auch, Dinge abzustreifen.
- Wenn ihr auf die letzten Monate zurückblickt: Was hat euch „Future Selves“ über euch selbst gelehrt, das ihr vorher nicht greifen konntet?
Tine: Manchmal wissen Songs früher als man selbst, was einen wirklich bewegt. Sie tragen kleine Wahrheiten in sich, die sich erst nach und nach zeigen. Während eines Albumreleases beschäftigt man sich noch einmal anders mit den Songs: Man denkt über Videos nach, über Bilder, über mögliche Metaphern. Dabei entdeckt man plötzlich neue Ebenen – im Song, aber auch in sich selbst. Man versteht etwas, das vorher noch nicht greifbar war. Das ist unglaublich spannend.
Moritz: Ein Album zu schreiben ist ein bisschen wie Kartenlegen – eine Form der Reflexion. Es hilft, in den Spiegel zu schauen, nach innen zu gehen und Dinge zu verarbeiten.
- Songs sind für mich meine Therapiequellen, meine Heilung. Auch eure Songs öffnen Räume für Menschen, die gerade selbst an einem Übergang stehen. Wenn jemand euch nach einem Rat fragen würde, wie man den Mut findet, sein zukünftiges Selbst zu betreten – was würdet ihr dieser Person mitgeben? Außer das Album und die Texte. (haha)
Moritz: Ja, wir geben einfach das Album mit – am besten in der Vinyledition mit der pinken Platte. Das ist direkt ein Mut-Booster. Im Ernst: Es ist vor allem eine Frage des Fokus. Man kann immer auf die Dinge schauen, die einen runterziehen – oder auf das, was Mut macht, Freude gibt und etwas Positives in Bewegung setzt. Dazu gehören die Menschen, die man im Leben hat, aber auch bestimmte Momente, die man erlebt. Entscheidend ist: In welche Richtung blicke ich?
Tine: Genau: Worauf setze ich meinen Fokus? Was schaue ich mir an? Wovon möchte ich mehr in meinem Leben haben? Gleichzeitig braucht es Geduld mit sich selbst. Dinge brauchen Zeit, um gut zu werden – auch innere Prozesse. Irgendwann kommt man vielleicht an einen Punkt, an dem man sich nicht mehr so stark mit dem beschäftigt, was einen früher belastet hat. Diesen Fortschritt sollte man anerkennen. Optimismus entsteht nicht durch ein Fingerschnippen, sondern durch einen Prozess. Und auch in schwierigen Phasen gibt es hoffentlich Menschen an der Seite, die einen bedingungslos unterstützen.
Moritz: Ich möchte noch hinzufügen: Beim Wachsen in Richtung des zukünftigen Selbst hilft es, nicht nur auf den Kopf zu hören, sondern auch auf das Herz.
The future is calling and we don’t need no reason – just heart
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Titelbild: Sandra Ludewig

