Jahrund entwirft elektronische Musik, die weit über reine Klangästhetik hinausgeht. Geboren aus einer tiefen Neugier für die Geheimnisse, sowie Begebenheiten unseres Seins, wird auch deren zweite Platte durch vibrierende Synth Energien durchströmt. Wer Jahrund hört, spürt sofort, dass hier eine Welt erschaffen wird, die geprägt ist von pulsierenden elektronischen Texturen, düsteren poetischen Untertönen und dramaturgisch aufgebauten Geschichten.
Das kreative Kollektiv, bestehend aus Ekaterina Elterman und Vladimir Vanya, verschmilzt Klang, Emotion und Vision miteinander. Seit Jahren arbeiten sie daran, eine musikalische Realität zu formen, die kompromisslos ihre Überzeugungen, Prinzipien und ihre Sicht auf die Menschheit widerspiegelt. Dazukommt eine starke visuelle Komponente, die sich in ihren intensiven, hochästhetischen Musikvideos zeigt, indem sie ihr audiovisuelles Universum stetig weiter ausdehnen.
Das Musikduo verbindet zwei unterschiedliche kreative Welten miteinander. Vladimir Vanya ist ein elektronischer Musiker und Produzent, der seit 2008 mit Klängen experimentiert, die Möglichkeiten elektronischer Musik erforscht und eigene Klanglandschaften erschafft. Ekaterina Elterman ist Songwriterin und Sängerin, deren düstere, atmosphärische Lieder am Klavier entstehen und von tiefgründigen Texten sowie persönlichen Erfahrungen getragen werden. Gemeinsam entsteht daraus ein Spannungsfeld, in dem sich elektronische Weite und intime Melancholie gegenseitig verstärken.
Im Jahr 2011 begegneten sie sich und begannen ihre gemeinsame Arbeit an verschiedenen Projekten. Ihre musikalischen und philosophischen Ideen beeinflussten sich gegenseitig und entwickelten sich über die Jahre weiter. Aus diesen fortlaufenden kreativen Experimenten formte sich allmählich der unverwechselbare Klang von Jahrund; mit einem Sound, der die Handschriften beider Musikschaffenden vereint und zugleich über sie hinauswächst.
Jahrunds Klangwelt balanciert zwischen rauen und sanften Strukturen. Zwischen Songs, die sich lyrisch öffnen, und solchen, die ausschließlich aus Synthflächen bestehen – wie atmende Körper nach einer Katastrophe. Dabei wird Ekaterinas dunkler, weicher Gesang zu einem emotionalen Leuchtfeuer inmitten dichter elektronischer Wellen. Die Lyrik ist sowohl einschneidend als auch beruhigend und aufwühlend zugleich. Denn wenn die Synths ohnmächtig werden, fängt die Stimme sie auf – ohne zu schreien, jedoch mit einer leisen, eindringlichen Aufforderung sich wieder aufzurichten.
Die Synthesizer des Duos besitzen eine dichte, wärmende Struktur; der Klang erhält eine eigene Hülle, verwandelt sich in ein autonomes Wesen, bereit die verborgensten Winkel des Geistes zu durchdringen, zu verdrehen, zu verzehren und die Kontrolle zu übernehmen. Wie kalter Rauch breitet sich der Sound in den Kammern des Bewusstseins aus. Er weckt auf, ernüchtert und reanimiert den niedergelegten Geist. Zugleich zieht er den Hörer in eine tiefe Versunkenheit. Diese Musik ist ein Gefühl, das keine Angst vor der Dunkelheit hat und zum Nachdenken über bewusstes Vorankommen anregt.
In Jahrunds „Inverted Paradise“ existiert Weiterleben in einem Paradies, das zerbrochen ist: ein Ort, der noch besteht, aber nicht mehr zum Leben gedacht ist, vielmehr nur noch zum Überleben. In diesem dunklen Universum bleibt dem Menschen nur eine Wahl: den eigenen Schmerz anzunehmen, mit ihm zu leben und im eigenen „Paradies“ weiter zu existieren. Er nährt diesen Schmerz, tanzt allein mit seinem Schatten und findet darin eine eigene, fragile Schönheit.
Der Opener entfaltet ein fiebriges, fast visionäres Spannungsfeld aus Angst und bedingungsloser Fürsorge. Durch Dunkelheit, Wände und eine unsichtbare Bedrohung tastet sich der Song voran, getragen von der verzweifelten Entschlossenheit, ein verlorenes Kind zu erreichen. Er wirkt wie ein Ruf durch einen Riss in der Realität: ein Versprechen, das stärker ist als Furcht, und ein Kampf um Nähe in einer feindlich verformten Welt.
Der zweite Titel „Your Girl Android Has No Blood“ eröffnet eine surreale Welt aus Android-Kanten, digitaler Hitze und vibrierender Nacht. Die Lyrik löst sich von der menschlichen Hülle, als würde sie sich jenseits klassischer Körpergrenzen neu zusammensetzen. Metaphorisch erzählt der Song von Entfremdung und Sehnsucht. Wobei das „Android-Girl“ für Verletzungslosigkeit und ein Begehren jenseits des Blutes steht.
Der Song „Oceans Roar“ zeichnet das Bild eines Menschen, der sich aus der vertrauten Umlaufbahn löst und in eine größere, kosmische Weite aufbricht. Die Zurückgebliebenen beobachten diesen Aufstieg mit einer Mischung aus Schmerz und Bewunderung: Distanz wird als notwendiger Schritt zur Selbstwerdung begriffen. „Oceans Roar“ verwandelt den Weltraum in einen emotionalen Resonanzraum; einen Ort, an dem Stärke, Sehnsucht und Identität lauter sprechen als auf der Erde.
In „Delirium“ verdichten sich innere Erschöpfung, Überforderung und Einsamkeit zu einem bedrückenden Strudel. Die Welt wirkt leer, laut und unerreichbar; zugleich wächst der Wunsch nach Ruhe, Klarheit und einem Moment des Atmens. Trotz Isolation, Spott und feindseliger Umgebung bleibt ein Funken Widerstand: die Hoffnung, dass das Böse fällt, Wunden heilen und die Seele sich wieder erhebt. So wird „Delirium“ zum intensiven Porträt innerer Zerrissenheit und stiller Überlebenskraft im Chaos. Das Video dazu entstand in der Alten Schutzengelkirche in Gräfendorf im fränkischen Saaletal.
Inhaltlich zeigt „The Loony Bin“ einen Menschen, der nach Manipulation, Lügen und innerer Zerrüttung völlig erschöpft ist. Die Schreie im Video verdichten den psychischen Zusammenbruch, der zugleich Befreiung und Kapitulation bedeutet. Die „Einrichtung“ erscheint als paradoxes Paradies: ein Ort äußerer Kontrolle und innerer Leere, aber auch trügerischer Ruhe, Sicherheit und Entlastung. So entsteht das beklemmende Bild eines Menschen, der in künstlicher Zuflucht Zufriedenheit findet, weil die Welt draußen zu schmerzhaft geworden ist.
Und „Time Bleeds Away“ beschreibt den Kampf zwischen Schmerz, Mut und Selbstfindung. Das lyrische Ich dringt in verschlossene, düstere Gedanken vor, um verborgene Lebensenergie zu berühren. Der Text fragt, warum Schmerz verschwiegen und Mut unterdrückt wird, und ruft dazu auf, sich zu öffnen und die eigene Stärke anzunehmen. Zwischen Traum, Leere und Schrei taucht Klarheit auf. Denn das Leben ist einzigartig, und nur wir selbst dürfen bestimmen, wie wir es leben.
Jahrund verwandeln emotionale Schutzinstinkte in ein dramatisches, fast mythisches Rettungsszenario: einen Horizont, der zugleich gewalttätig und hoffnungsvoll zeigt „Inverted Paradise“ fixiert diesen Zustand und versucht, durch Verzerrung hindurch Wahrheit hörbar zu machen. So findet das Album etwas Menschliches in einem vollständig künstlichen Raum. Gerade darin liegt seine Stärke: Jahrund übertragen diese Spannung eindrucksvoll in Musik.
Wertvolle Links:
- Bandcamp: (alle Veröffentlichungen): https://jahrund.bandcamp.com/
- Linktree: https://linktr.ee/Jahrund
- Instagram: https://www.instagram.com/jahrund/
- Homepage: https://www.jahrund.com/
Meine Vinyl: in deren Shop bestellt, signierte Limited Edition „Nebula Blue Translucent“ (mittlerweile ausverkauft)

