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Sofia Portanet – Freier Geist (2020)
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Schmuckkästchen

Sofia Portanet – Freier Geist (2020)

Wenn man die Musiklandschaft der Sofia Portanet betritt, ist es so, als wäre man wieder in der guten alten Zeit gelandet, als Lene Lovich, Danielle Dax und Ina Deter noch die Tanzflächen der (Szene-)Clubs füllten. Jene Art von Musik wird heute kaum noch salonfähig gemacht. Das was überwiegend bis zur ausgelutschten Unerträglichkeit abgespielt wird, ist stereotypischer, mit Vocoder verzerrter und darüber hinaus übersteuerter Kram. So gesehen ist das Album „Freier Geist“ sowie Sofia Portanets Stimme eine wahre Wohltat für die Sinne, die intensiv hörende Ohren von Schnodder befreit. Denn in einer schnelllebigen, generalisierten Gegenwart ist es umso bedeutender, dass es ein Album gibt, welches den Geist befreit und weiterhin zu Hörer:innen findet, obwohl es bereits seit einem Jahr veröffentlicht ist.

Sofia Portanet schlängelt sich gekonnt durch den plastischen Stereotypus hindurch und taucht ihre Musik in ein spaciges Lichtermeer.

Ihre Musik verleiht einen Ansatz ein paar Jahrzehnte zurückzuschweifen. Gewiss ist ihre Darbietung für das Jahrhundert neu, doch lässt es die Erinnerungen vergangener Zeiten aufleben und aufatmen. Zumal hat es Sofia Portanet nicht nötig, auf einen Retro-Zug aufzuspringen, obwohl sie auf einer guten alten Dampflok posierend, eine sehr gute Figur machen würde. Man könnte meinen, dass sie sich einfach den vielfältigen Schwingungen hingegeben hat, welche sie zu „Freier Geist“ brachten.

Die Sprache der Sofia Portanet ist von poetischer Qualität. – Ja, auch noch eine, die große Dichtkunst aufleben lässt. Durch Jonglieren der Kehle zelebriert sie in drei verschiedenen Landessprachen ihre musikalische Bereicherung, wodurch die Musik lange im Gehörgang bleibt. Und da Lyrik und Musik durch sich selbst belohnt werden, wird diese durch Sofias lyrischem Manifest von Heine bis Rilke, zu einem Programm der literarisch musikalischen Begierde. So kann die Wahl-Berlinerin mit ihrer ausgebildeten Opern- und cleanvocalisierten Stimme artikulieren und treffende Akzente setzen, sodass jeder Zuschauer auf den hinteren Rängen sie hören kann, ohne dass das Mikrofon eingeschaltet werden muss. Vorzügliche Wörter werden in verschiedenen Akzentuierungen, spielendleicht und frech zugleich, gesungen.

Eigentlich glaubten viele, dass nur Britney Spears in einem roten Latexanzug blendend aussieht. Auch Sofia Portanet darf sich gerne auf das Treppchen dazu gesellen, was mit der Singleauskopplung nebst dazugehörigen Video zu „Planet Mars“, veranschaulicht wird. Ihre Leichtigkeit wird nicht nur in dem space-ästhetischen Song hörbar, sondern auch mit „Free Ghost“, der ein tolles Album eröffnet, und somit auf eine schöne Zeit einstimmt.

Zu ihrem wunderbaren Debüt-Repertoire hat sie noch „Racines“ ausgewählt. „Racines“ ist eine wunderschöne Coverversion, welches im Original von Catherine Ribeiro stammt, einer französische Chanson​- und Folk-Rock-Sängerin. Zumal ich die französische Sprache nicht besonders genieße, ist diese Neudeutung eine überaus gelungene Version. Denn hierbei verschmelzen Stimme, Gesang und die Instrumentalisierung zu einer sinnlichen Einheit. Dieses Stück krönt den Ausklang eines überaus gelungenen Albums.

Was auch immer Sofia Portanet zukünftig anpacken wird, wird funktionieren. Musik ist ihr Licht, das sie ausstrahlt. In ihr schlummert bestimmt noch ein Glühwürmchen, welches uns überrascht, wenn es aus ihrer Kehle hüpft. Auch kann sie ihre Musik live sehr gut rüber bringen, was die Aufnahmen auf YouTube in 100%iger Dynamik zeigen. Der Ton gibt den Takt an und der Hüftschwung sowie die Tanzbeine bleiben demnach nicht still. – Wozu auch? Wer bei dieser bedingungslos tanzbaren, mitreißend leichten, energiegeladenen und experimentellen Musik sich nicht automatisch bewegt, der ist wohl… von allen freien Geistern verlassen!

*** In „Freier Geist“ wird deutlich, wie vertraut mir ihre Musik doch ist, und wie sehr ich das intensive akzentuierte in der Stimme vermisste. Auch mag ich ihr adrettes Erscheinungsbild. Off-topic: Zeitweise hatte ich eine rollige Katze im Kopf, wenn ich „Planet Mars“ laut hörte. Da begann ich wie ein Mädchen zu kichern.

„Freier Geist“ ist eine Delikatesse des exaltierten Esprits.


Wertvoller Link:

Homepage: www.sofiaportanet.com

 

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