Wenn das Leben seelisch steil bergab geht, kann Musik Hoffnung schenken, so wie ein Wanderstock auf schwierigem Gelände Halt gibt. Sie kann das Herz öffnen und einen inneren Wandel anstoßen, vergleichbar mit einem Phönix, der sich aus seiner eigenen Asche erhebt.
Eine solche Erfahrung prägte das in Los Angeles lebende Ehepaar Alexandra und Zachary James, das gemeinsam das Duo Twin Temple bildet. Denn der Wirt aus Trauer, gesundheitlichen Problemen, Sucht und Depressionen hatte sich tief in ihr Leben eingenistet. Jedoch fanden sie im legendären Studio 3 der Sunset Sound Studios in Hollywood den Weg zurück ins Leben: „Wir begannen wieder zu lächeln und zu lachen. Ich hatte das Gefühl, wieder lebendig zu werden. Das Album brachte uns zurück zu dem Grund, warum wir uns überhaupt in Musik verliebt haben, und wurde dadurch unser bislang persönlichstes Werk.“
Aus ihren persönlichen Erfahrungen entstand mit „Doomed Lovers“ ein Album, das mit einem 37-köpfigen Orchester aufgenommen wurde und Schmerz in etwas Kraft- und Hoffnungsvolles verwandelte. „Doomed Lovers“ ist ein betörend schönes Album, das die Romantik und Sinnlichkeit der 1960er Jahre in sich trägt und mit düsteren Goth-Balladen verschmelzen lässt. Aus dieser Verbindung erwächst eine cineastische Klangwelt von dunkler Schönheit, der man sich nur schwer entziehen kann. Dieses emotional geöffnete Werk entfaltet den nostalgisch Charakter ihres unverwechselbaren Sounds mit neuer Größe, ohne dabei seine Wurzeln im frühen Rock ’n’ Roll zu verleugnen.
Twin Temple haben eine ganz eigene Handschrift, die von seltsamer Schönheit und klassischer Eleganz geprägt ist. Die programmatische Eröffnung des dritten Studioalbums beginnt mit dem titelgebenden „Doomed Lovers“, einem Song, der das Twin-Temple-Tor zu einer Welt öffnet, in der Liebe und Tod untrennbar miteinander verbunden sind und bei mir jedes Mal eine Träne hervorruft. Die Augen schließen sich unweigerlich, als wolle man jeden Ton, jede Sehnsucht und jede Träne dieses Liedes tief in sich aufnehmen. Wer sich noch an den Film „Ghost – Nachricht von Sam“ erinnert, möge die Augen schließen und „Unchained Melody“ von den Righteous Brothers aufrufen. Genau diese Wucht aus Liebe, Verlust und überwältigender Sehnsucht trägt der Eröffnungstitel von Twin Temple in sich.
„I Want Blood“ passt erstaunlich gut zu dem Duo. Viele ihrer Songs wirken wie eine Szene kurz vor der Enthüllung, dass hinter dem Glamour etwas Okkultes, Vampirisches oder Tragisches lauert. Musikalisch erinnert „I Want Blood“ an einen dunklen Schlangentanz (ihr wisst schon, welchen ich meine), wie man ihn aus großen Gothic- und Horrorfilmen kennt. Verführerisch, hypnotisch und von einer unterschwelligen Gefahr durchzogen, verwandeln Twin Temple die Vampirmetapher in die romantische Sehnsucht nach einer Liebe, die selbst der Tod nicht zu beenden vermag.
Mit „Love You To Death“ verbinden Twin Temple zwei gegensätzliche amerikanische Musiktraditionen: zum einen die romantische Unschuld des RCA-Pop der frühen 1960er-Jahre, zum anderen die dunkle Brutalität klassischer „Murder Ballads“. Im Kern handelt dieser mörderisch gute Song von Eifersucht, Verlangen, Verrat und den tragischen Folgen einer Alles-oder-nichts-Liebe, von einer Hingabe, die in Wahnsinn und ein Verbrechen aus Leidenschaft mündet. Allerdings nicht in einen Mord, wie man zunächst vermuten könnte.
Das ist der Moment auf dem Album, bei dem ich alles stehen und liegen lassen möchte, denn „Haunt Me“ ist wie der Opener „Doomed Lovers“ zum Niederknien. Über den Song erzählen Alexandra und Zachary James selbst: „‚Haunt Me‘ ist ein Gothic‑Liebeslied über Angst, Besessenheit, Unheil und Eifersucht, mit Anspielungen auf klassischen amerikanischen Gospel, Rock ’n’ Roll der 1960er‑Jahre und Blues. Der Song romantisiert die beängstigenden Albträume, die ein geliebter Mensch auslösen kann, und das Paradox, dass man niemals möchte, dass diese Person aufhört, einen heimzusuchen.“
Mit „Monster“ wandeln Twin Temple endgültig durch die Schattenwelt ihrer eigenen Ästhetik. Die Geschichte eines von Verlust gezeichneten Menschen erinnert an klassische Geister- und Vampirerzählungen, erzählt jedoch von etwas zutiefst Menschlichem: der Unfähigkeit, eine geliebte Person loszulassen. So wird die Erinnerung selbst zum Fluch, der die Erzählerin Nacht für Nacht heimsucht.
Den opulenten Schlusspunkt des Albums setzt das tief verzweifelnde „Nothing Matters“. Der Song entstand in einer Zeit tiefster Depression und Gleichgültigkeit nach einem verheerenden Verlust und entfaltet sich als moderne Gothic-Klage über eine Liebe, die den Tod nicht akzeptieren will. So wird aus Hoffnungslosigkeit nicht Finsternis, sondern ein letzter bewegender Moment dunkler Schönheit.
Was zunächst wie klassische Balladen aus dem goldenen Zeitalter des Rock ’n’ Roll der glorreichen 60er erscheint, verwandelt sich rasch in makabre Gelöbnisse bedingungsloser Hingabe. Zwischen samtenen Melodien, bittersüßer Romantik, schwarzer herzzerreißender Theatralik und dem Morast der Verzweiflung entstand mit „Doomed Lovers“ eine Schönheit, die gerade aus ihrer Vergänglichkeit schöpft und als emotionales Manifest des gesamten Albums gelten kann. Getragen von orchestraler Größe und erhabener Melancholie wird aus Hoffnungslosigkeit ein letzter bewegender Moment dunkler Magie.
***Herrlich! Einfach nur herrlich! Twin Temple rissen meinen Brustkorb auf, sodass ein vulkanartiger Schwall aus Licht hervorbrach. Es war so befreiend! Genau das ist es, was ich so sehr liebe: wenn Musik mein Herz erhellt und etwas in mir wieder zum Leuchten bringt, wo zuvor nichts als Traurigkeit war. Ich liebe es, wenn sich einfach nur der Wunsch nach einem Album voller Glückseligkeit und Hörgenuss erfüllt. Dieses Album ist mir offenbar genau zur richtigen Zeit begegnet.
Meine Vinyl: Envy Translucent Green Vinyl
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