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Alexa Rodrian – One Hour To Midnight

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Rezensionen

Alexa Rodrian – One Hour To Midnight

Die renommierte deutsche Schauspielerin Katja Riemann schwärmt von ihr und schätzt sie als Sängerin, Musikerin und Komponistin. Es ist die Rede von Alexa Rodrian. Bisweilen arbeitete sie mit tollen Künstler*innen zusammen. Als freiberuflich, selbständige Dozentin für Hochschulen, gibt sie auch Privatunterricht. Ihren Abschluss absolvierte sie 1999 an der School of Music in Manhattan, New York.

Alexa Rodrian besitzt eine außerordentliche Präsenz, Prestige und eine betörende Stimme zum gedanklichen Versinken. Sie und ihr unglaubliches Ensemble feiern den Jazz. Darüber hinaus liebt und lebt sie dieses Genre, welches durch das neue Album „One Hour To Midnight“ deutlich wird.  Ihr neues Album bezeichnet sie als ihr bedeutendstes Werk. Mit einer umfangreichen Schöpfung von dreizehn Songwriter-Jazz-Stücken bietet Alexa Rodrian den Hörern und Hörerinnen eine abgerundete und bedachte Albumproduktion, welches den Nerv der jetzigen Zeit trifft. Sie interagiert in diesem Album für mehr Empathie und Miteinander, gegen Ausgrenzung und Hass. Auch der Feminismus spielt hierbei eine große Rolle, der auch die Herren einlädt und selbstverständlich willkommen heißt.

Ein wunderschönes schwarz/weißes Portraitbild ziert das Cover. In einem schwarzen Damenanzug gekleidet mit Peeptoes an den Füßen sitzt sie auf einem antiken Schemel. Die Arme überkreuzend auf dem Schoss gelegt, die Fingernägel dunkel lackiert, der gedankenverlorene Blick ist schräg nach oben gerichtet. Auf dem Marmorboden steht ein alter Dual-Plattenspieler.  Beim näheren Betrachten des Portraits scheint die Musik ausgeklungen zu sein, wahrscheinlich weil es Zeit für „One Hour To Midnight“ ist.

Aufgenommen wurde „One Hour To Midnight“ in der Kirche „Zum Guten Hirten“ in Berlin-Friedenau. Der Hall der Kirche gibt der Albumproduktion eine gewisse mystische Atmosphäre. Ihre Stimme ist ihr Instrument. Der rezitierende Gesang wird je Lied von spärlicher Instrumentierung unterstützt, sodass nur ihre Stimme den Ton und ein Instrument den Takt angeben. Das macht diese Produktion so besonders, denn all die dafür berufenen Instrumente geben jedem einzelnem Lied Energetik und Substanz. Ferner noch den wertvollen instrumentalen Glanz, der auf jedes Stück perfekt abgestimmt ist. Ihre Songs, ausgenommen der Coversongs, schrieb sie nicht nur selbst, sondern arrangierte diese überwiegend auch selbst.

Als die ersten Töne zu Billie Holidays „Strange Fruit“ begannen, sind es nicht nur ihre Stimme, sondern auch Drummer Florian Holoubek, die fesseln und bannen. Als seine perkussive Drum&Bass startet und ihr Gesang die Lyrik leitet, regt die ergreifende Drum&Bass Perkussivität eine eindrucksvolle Dynamik an. Jedoch ist die Lyrik zu „Strange Fruit“ und die Aussage darin eine traurige. In diesem Lied geht es um Lynchmorde an Afro-Amerikaner.

„Mörtels Songs“ ist ein „Farewell Song“, ein Abschiedslied. Dieses liebenswerte, ehrliche und traurige Stück wird von Julia Becker an der Harfe begleitet. Hierbei wird ein Verlust verarbeitet – „This is how i remember you…“. Alexas Stimme gibt diesem Lied die Tränen, welche durch die stärkenden Harfenklänge trocknen.

Gewitternd geht es weiter mit dem titelgebendem „One Hour To Midnight“, einer Hymne des Feminismus. Umspielt wird ihre Rezitation mit mitreißenden Cellotönen, die Noah Hoffeld beitrug.

Die Dancepop-Nummer „I Wanna Dance with Somebody (Who Loves Me)” wurde zum Meilenstein für Houstons Karriere. Alexa Rodrian wiederum schaffte es aus dem Dancepop Song eine traurige, balladeske und anklagende Einsamkeit zu kreieren.

Sie preist die Liebe in „Back Up the Hill“ an. Dieses Stück wurde auch als Videoauskopplung für die „Live Session 4“ auserwählt. Hierbei fungiert Sven Faller als instrumentale Unterstützung.

Mit der deutschen Rezitation zu „Hexenstunde“ endet ein lyrisches Feuerwerk, welches wie aus einem Hexenkessel Funken sprüht. Die gesprochenen Worte der Hohepriesterin werden mit Sanftheit als wiederholt wiedergegebene, gesangliche Sequenz der Esther Kaiser im Hintergrund zelebriert. Dabei haben die beiden ihren Zaubertrank köchelnden Berlinerinnen nichts Geringeres im Sinn, als „stolz und frei von Neid“ schwesterliches Band zu knüpfen zwischen Frauen, die sich oft genug gegenseitig nicht über den Weg trauen. Damit schließt sich der „One Hour To Midnight“ Kreis.

Alexa Rodrian ist nicht „nur“ eine geschätzte Jazzröhre, sondern auch eine Wohltäterin. Denn konsequente 20% der Einnahmen fließen an die Non-Profit-Wasserinitiative „Viva con Agua de St. Pauli e.V.“, die beispielsweise Quelleinfassungen fördert, damit sauberes Trinkwasser geschöpft werden kann – in Entwicklungsländern traditionell Frauenarbeit. Also, Gutes tun mit Kauf des Albums.

***Alexa Rodrian zog mich sofort in ihren Bann, da mich ihr rezitierender Gesang auf „One Hour To Midnight“ gepaart mit ihrer tiefen Stimme an Marianne Faithfull erinnert. Dazu ist meine Bewunderung für Dozenten*innen, die sich der Musik berufen fühlen, indem sie auch eigene Alben produzieren, ein Leben mit Lyrik führen und obendrein die Familie unter einen Hut bringen, groß.  Das Portrait des Covers würde ich mir sogar in die Wohnung hängen, wenn es denn ein Poster oder ein Gemälde davon gebe. Wenn ich „Mörtels Song“ erklingen lasse, wird es in meinem Kopf still. „Love in Three Four“ erinnert mich lyrisch an Van Morrisons „Moondance”.  Und Coverversionen, wie „I Wanna Dance With Somebody“, sind für mich immer des aufmerksamen Hörens wert, da ich es liebe wenn Neudeutungen wahrlich neu gedeutet werden, im eigenen Stil und nicht so, dass es wie das Original klingt. Und das beherrscht Alexa Rodrian über die Maßen!

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