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ANIQO im Interview
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Interviews

ANIQO im Interview

ANIQO ist eine Dream Pop Künstlerin aus Berlin, die ihre Songs in Unvergänglichkeit wiegt. Dazu zeugt ihre Musik von einer reichhaltigen Vielfalt, die gedankenlos genossen werden kann. Das Debüt „Birth“ weilt in komplexer Schönheit, die eingängig ist sowie eine eigene schlagende Symphonie in sich trägt.

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Ich MUSSTE um ein Interview mit DIESER fantastischen Künstlerin bitten – denn ich hätte mich selbst unglücklich gemacht, wenn nicht.


  • Herzlichen Glückwunsch zu deinem Debüt. Die Kritiken sind hervorragend, so hervorragend wie das Debüt auch wahrlich ist. Wie geht es dir damit?

Ich freue mich sehr über die Kritiken und Pressestimmen – das ist ja gar nicht so selbstverständlich in Zeiten, in denen wir Zugang zu so viel und auch toller Musik haben … eine Flut an Kreativität, da kann man ja auch leicht mal untergehen :). Besonders freue mich über jedes einzelne Ohr, dass sich die Zeit nimmt, das Album komplett zu hören – denn so ist es gemeint. Es erzählt eine Geschichte. Die Songs funktionieren hoffentlich auch alleine – aber ich bin sehr dankbar, wenn BIRTH in seiner Ganzheit rezipiert wird.

  • Birth“ ist ein Album, indem man sich fortträumen kann; ein Album, welches sich zwischen „Licht und Dunkel“ bewegt und zum Nachdenken anregt. Der Weg von der Idee zur Fertigstellung: War dieser ebenso gezeichnet, wie es das Album signalisiert? Vielleicht auch ein gepflasterter oder drüber hinweg schwebender Weg, mit aufgeschichteten Mauern oder gleichst du ein wenig Hildegard Knef, die es so schön ausdrückte: „Mauern? Es gibt keine Mauer. – Ich spring einfach drüber!“?

Ich liebe auf jeden Fall Hildegard Knef – sie singt und artikuliert in ihren Songs so trocken naiv und klar, so dass für mich eigentlich keine Fragezeichen bestehen bleiben – sie findet den direkten Zugang zu meinem Herzen. Das reizt mich auch in meiner Arbeit. Ich möchte schon an den Kern gelangen – an meinen aber auch an den der Zuhörer:innen. Der Weg zu BIRTH war sehr intensiv – ein einziges Auf und Ab – Licht und Schatten. Es musste vieles so geschehen, wie es geschehen ist, damit überhaupt die Songs entstehen, geschrieben und sich auch entwickeln konnten. Sicher hatte ich eine Vision – doch wie sie jetzt klingen, verdanke ich auch meinen Produzenten Guy Sternberg und Joe Cardamone aber auch meinen Bandkollegen Torsten Füchsel und Illia Vovk.

  • Aufgrund der Zusammenhänge deines Lebens, die du auf deiner Homepage als Linien-Lebensabschnitts-Konstellation gefertigt hast, ist das Debüt ein persönliches Werk, ein Tagebuch oder eine Aufzeichnung Lebenszüge anderer?

Es ist alles von dem was Du sagst – die Songs basieren auf persönlichen Erfahrungen, Reflektionen meiner Selbst aber auch auf nach außen gerichteten Beobachtungen – es betrachtet die Achsen, auf denen wir uns bewegen – Zeit und Raum, Gesellschaft, Parallelen und Spiralen – ich schaue gerne ins dunkle Loch und möchte Licht auf die Schattenseiten werfen – das kann auch mal unangenehm werden oder klingen.

  • Wie lange hast du an dem Werk gearbeitet, bis du das Gefühl hattest, es in die Welt fliegen zu lassen? Dir ist aber schon bewusst, dass das Album nun nie wieder aus der Welt entschwinden wird.

Mein ganzes derzeitiges Leben lang… dementsprechend darf es auch gerne bleiben. Gab schon ganz schön was zu tun ;).

  • War das innere Bildnis von Anfang an scharf, dass du dein Debüt „Birth“ nennen wirst?

2015 sind die ersten Songs, die jetzt auf BIRTH zu hören sind, entstanden. 2016 wusste ich es wird BIRTH heißen… hat dann noch paar Jahre gedauert – aber der Titel kam wie ein Blitzschlag und wollte auch nicht wieder gehen.

  • Im immer tief sinkendenden wie auch schwebenden „Deep Sea Fish“ verlierst du dich im tiefen Gewässer. Doch was beinhaltet dieser Song und welche Bedeutung misst du diesem Song für dich selbst bei?

Ich bin ein sehr neugieriger und wissbegieriger Mensch – ich möchte sehr genau wissen, was mit meiner Psyche aber auch mit der Psyche meiner Umwelt los ist. Ich bin mir darüber bewusst, dass nur wenn ich bereit bin, tief zu tauchen, ich auch hochfliegen oder schweben kann. Das Leben – alles ist ambivalent – ich erkenne immer wieder, dass ich nur ein Bruchstück der Zusammenhänge verstanden habe. Es entwickeln sich fortlaufend neue Perspektiven – ein endloser Prozess des Lernens – ein Weg durch Emotionen. Erfahrungen bis hinein in die tiefsten Zellen unserer Seele. Darum geht’s letztendlich in „Deep Sea Fish“ – die einfachen sichtbaren Zeilen haben einen zunächst unsichtbaren Teil unter Wasser versteckt … der Song ist mein Eisberg. 🙂

  • Geben dir das gemeinsame Songs schreiben, eine Art Therapie oder Heilung mit? Da der Song „Balance“ im Zwischenzeilen-Reading ausdrückt, dass jeder für seine Heilung selbst verantwortlich ist.

Ich schreibe lieber erstmal für mich allein – die Texte und auch die Grundharmonien – ich muss immer erstmal ergründen, worum es mir in dem Song geht, bevor ich gemeinsam mit meiner Band weitere Arrangements entwickele. So ist es letztlich auch im Song gemeint… es spricht für mich nichts dagegen, sich Heilung von außen zu wünschen – die Kernarbeit, die Bereitschaft aber vor allem die Erkenntnis an welchen Stellen es dieser bedarf, ist meiner Meinung nach aber nur in der eigenen inneren Mitte zu finden. …Ich wünsche mir natürlich, dass die Songs die Strahlkraft mit sich bringen, das sie vielleicht den einen oder anderen Punkt im Selbst der Hörer:innen berühren und diese beim Weg der Heilung begleiten.

  • Must Surrender“ ist ein Song übers Loslassen. Gab es für dich selbst eine innere Verunsicherung den Weg des Liedes zu ergründen? 

Ich befinde mich immer wieder mal in Situationen, in denen ich mich wie im Hamsterrad fühle oder in Denk-Dauerschleifen bewege. Das ist ganz schön schwierig da wieder rauszukommen – in Must Surrender geht es aber zuallererst erstmal darum, das zu erkennen und im zweiten Schritt um die Materialität und Essenz der Muster, in denen wir uns bewegen. Ich möchte, dass wir uns bewusst die Frage stellen, ob wir das wirklich wollen. Wo sind wir Gefangene oder Roboter in einem uns bequemen System?

  • Gab es einen Song, worin das Visualisieren besonders schwer in der Luft lag?

„Vivre Libre“ war schwer – weil da wäre ich tatsächlich gern direkt auf ein Segelboot rauf auf den Ozean oder hinein in die tosenden wilden Fluten gesprungen sich dem Licht entgegen kämpfend … naturgewaltige und farbenprächtige Symbole der Freiheit in einer Wiliam Turner Kulisse – das schwebte mir vor. Das war leider nicht umsetzbar bzw. finanziell unmöglich.

  • Wer Musik liebt und auch produziert, wird verletzlich. Wie schützt du dich, wenn es einmal sehr mies läuft, und du alles hinschmeißen möchtest?

Ich ziehe mich zurück, meditiere und gehe früh ins Bett mit dem Wissen, dass der nächste Tag wieder Licht bringt. Meist ist es auch so… ich bin selten über einen langen Zeitraum mies gelaunt. Der Glaube an die Sache und das innere Feuer haben mich, seit ANIQO’s Geburt im Jahr 2015, nie wirklich elementar an der Sache zweifeln lassen oder ernsthaft denken lassen, dass ich hinschmeißen möchte. Ich kann einfach nicht aufhören – ich muss das machen. Es ist meine innere und meine wortwörtliche Stimme, die mir das sagt.

  • Gibt es für dich eine Künstlerin, zu der du aufschaust, die dir Kraft und Inspiration schenkt?

Es gibt einige Frauen, die ich toll finde und die mich inspirieren – Hildegard Knef hatten wir schon. Sicher auch Yoko Ono, Björk, Beth Gibbons, Marianne Faithfull, Joni Mitchell, Kate Tempest, Mitski, Alanis Morissette oder auch Sharon Van Etten … das sind alles große Namen aber eigentlich inspirieren mich alle Menschen, die Kunst durch sich durchfließen lassen können und sie in hör- oder sichtbare Energie transformieren…

***hach ja, fast alles Frauen, die ich selbst bewundere und zu denen ich aufschaue.

  • Und nun zum Abschluss meine Lieblingsfrage, die ich bestimmt jeder Künstlerin stellen würde: Welches Buch oder welches Gedicht würdest du gerne vertonen?

Ich würde Reden von Krishnamurti vertonen… er ist mein Wegbegleiter und wie ich finde ein großer Denker mit klaren und einfach verständlichen Botschaften. Dann wäre da noch Hermann Hesses Siddartha … als Gedicht wähle ich so ziemlich alles von Erich Fried, Hesses Stufen oder auch Du musst das Leben nicht verstehen von Rilke.

Herzlichen Dank. Es war mir ein inneres Herumhüpfen. 


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Titelbild: Peter Hönnemann