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In This Moment – Mother

Female Fronted Metal / Rezensionen / Juni 13, 2020

Eine Frau ist in ein weißes, durchsichtiges Chiffontuch eingehüllt. Unter dem zarten Gewebe ist sie nackt. Auf dem Kopf ziert eine Art Heiligenkrone als Kranz. Hinter ihr stehen fünf weitere Gestalten, die ebenfalls mit weißem Chiffon bedeckt sind, die eine grazile Bewegung aufzeigen, auf einem rotgefärbtem Ackerfeld, welches zuvor rabiat gemäht wurde. Wurzeln prangen der Hauptgestalt entgegen. Unterhalb der Erde sind die Wurzeln verwachsen, die ein verletzliches Wesen in Embryonalstellung einschließen. Über den nachtblauen Horizont regen sich weiße Wolken, die das aufgehende Licht am Himmel heraufbeschwören.

Das Artwork deutet auf die Zwietracht von Himmel und Hölle wie auch von Licht und Düsternis hin.

Nach dem spirituellem Konzeptalbum „Ritual“ von 2017 wurde es scheinbar Zeit für das reale Thema „Mother“. Wahrscheinlich haben In This Moment mit „Mother“ ihren persönlichen Soundtrack geschrieben. Hierbei liefern sie intensives Material und drei Coversongs.  Des Weiteren bezieht sich der gewählte Albumtitel auf Maria Brinks Aussage, dass sie des Öfteren als „Mutter Maria“ bezeichnet wird sowie auf die Mutter Erde, die sie verehrt. 

Es ist naheliegend, dass sich Maria Brink und Christopher Howorth in diesem Album komplett entblößten. Denn mit jeder geschriebenen Zeile, jeder Note und jedem gesungenen, aus Marias Kehle herausgepreschten Strophen wird eine Verletzlichkeit sichtbar, hinter der jedoch eine immense Kraft zeigt. Dadurch erhebt sich ihre krasse Stimme zum Himmel auf, wogegen ihr Leib oftmals in der Hölle weilte! Ihre Stimme ist ihr Instrument, die auch in diesem Album kraftvoll zum Einsatz kommt, wobei auf „Mother“ mehr Wert auf Empfindung gelegt wird, aber dennoch mit viel Seelenstärke. Keine gesungene oder gutturale „gecrowlte“ Zeile gurgelt angespannt vor sich hin oder wirkt angestrengt. Bei Gott! – was hat sie für eine Stimme!

Das siebte Album beginnt mit dem Intro „The Beginning“. Der Klang des Rufhorns leitet das neue ITM-Legat „Mother“ ein. Mit „Fly Like An Eagle”, einem Cover der Steve Miller Band aus dem Jahre 1976, wurde ein virtuoser Opener ausgewählt, welches auf In This Moment abgestimmt und passend für dieses Album neu gedeutet wurde. Der weiche, verträumte Song wird durch Marias brachiale Stimme und den härteren Riffs bekräftigt.

„Revolte nach außen ist der Weg zum inneren Frieden.“ Dieses Jim Morrison (The Doors) Zitat ist treffend für die zweite Singleauskopplung von „The In-Between“. Der Song gibt den dramatischen Akt des Zwiespaltes zwischen Himmel und Hölle wieder, der Streit von Mutter und Vater gegenüber dem Kind wird ausgefochten. Marias Stimme erhebt sich in Auflehnung zwischen den Stühlen. Für Frieden braucht es nur einen Menschen, für Krieg braucht es mindestens zwei.

Im Song „Legacy“ wird deutlich wie zer- und gebrechlich das Leben ist, doch dass es gemeinsam bis über den Tod hinaus durchgestanden werden kann. „Legacy“ ist ein genialer, eingängiger Track, indem das Herz blutet.

Frontwoman Maria Brink zählt zu den Powerfrauen des Metals. Doch ist sie nicht nur in diesem Bezug eine Powerfrau, sondern auch im wahren Leben! Das wird mit jeder Zeile in diesem Album deutlich. Sie belügt sich nicht selbst – einen verlogenen Heiligenschein trägt sie nicht – denn Maria Brink trägt die Krone des Kampfes. Die Kriegerin steht für wahrhaftigen Empowerment! Dazu holte sie sich noch Lzzy Hale (Halestorm) und Taylor Momsen von The Pretty Reckless in die ITM-Arena. Mit „We Will Rock You“, dem Queen Hit, verdrängen sie die Glamour-Gladiatorinnen Pink, Britney Spears und Beyonce aus der Pepsi-Spot-Arena.

Der Song „Mother“, den Maria ihrer Mutter widmete, ist im Aufbau melancholisch dramatisch sowie kraftvoll. Maria Brink stand mit ihrer Mutter einiges durch und sie steht ihr nach wie vor sehr nahe. Ihre Mutter verfiel den Drogen. Maria ließ sie aber nie fallen und kämpfte mit ihr gemeinsam gegen die Sucht an. In diesem Song holt Maria alles raus, was sie ihr zu sagen hat. Es ist auch mit einer der intimsten Songs des Albums.

Digitaler Sound, druckvolle Songs mit vielen Emotionen zeigen das Album auf. In This Moment liefern stets imposante Theatralik ab, was auch in ihren Shows live gezeigt wird. Sie beweisen auch, dass sie die schönsten Powerballaden in dieser Zeit schreiben können. Ich muss leider auch gestehen, dass ich es liebe, wenn Maria Brink völlig abdreht, wie in dem Song „Big Bad Wolf“ aus dem „Black Widow“ Album von 2014. Aber solch eine Nummer ist auf „Mother“ nicht zu hören, dafür andere Songs voller Intensität, Theatralik und Schönheit, wie „God Is She“. Den Abschluss krönt das Mazzy Star Cover „Into Dust“.

Fazit: Mit diesem Album lasse ich Lyrik, Gesangshouts sowie den Sound durch meine Adern fließen. In This Moment sowie Mother Maria beeindrucken mich immer wieder aufs Neue. Es ist echt interessant wie ein Album Explosion und inneren Frieden verursachen kann. Nach Anhören des Albums gebe ich mich der Totalität hin, bin selig und drücke auf Repeat.

Kleine Anmerkung: In This Moment gehen ihren Weg – seit 15 Jahren! Die Erwartungen der Fans sind oftmals eine andere, keine auf kommerzielles Gut gezielte. Was absurd ist! Jede Band möchte mit ihrem Schaffen Geld verdienen und erfolgreich sein. Und dass In This Moment in ihrem eigenen Metal wandelbar sind, wurde bereits mit „Rituals“ deutlich. Selbst wenn die Band so bleibt wie zu Anbeginn, dann heißt es, dass sie sich nicht entwickeln oder was Neues bringen etc. Musik ist eine Hure! Punkt! Jede Band hat das Recht Geld zu verdienen! Wer gibt, darf auch nehmen!


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